Indie Translations




Verknallt hoch Zwei

von Anna Katmore

Übersetzt von: Corinna Wieja
Originaltitel: Dating Trouble
Erscheinungsdatum: Mai 2015

Ärger war noch nie so verlockend …

Susan will Ethan. Und Chris will Sue.

Verliebt in Ethan und fasziniert von Chris findet sich Susan Miller ganz unerwartet zwischen eineiigen Zwillingsbrüdern wieder. Als beide auch noch zur selben Zeit anfangen, mit ihr zu flirten, muss sie nur noch die richtige Wahl treffen. Ganz einfach, oder? Falsch! Ethan zögert einen Kuss hinaus, und Chris ist aus den völlig falschen Gründen an ihr interessiert …

Ganz anders als sein zurückhaltender Bruder scheint Chris Donovan nichts als Ärger im Sinn zu haben. Er wechselt seine Freundinnen wie andere Jungs ihre T-Shirts, und der nächste Name auf seiner Eroberungsliste lautet Susan Miller. So etwas kommt für den romantischen Bücherwurm natürlich gar nicht in Frage, und doch ertappt Sue sich selbst dabei, wie sie auf all seine Gutenacht-SMS und andere anzügliche Nachrichten antwortet. Chris geht ihr unter die Haut wie kein anderer Junge je zuvor.

Wie lange kann sie seinem Charme wohl noch widerstehen, bevor sie sich mehr Ärger einhandelt, als ihr lieb ist? Und wo bleibt Ethan bei der ganzen Sache?

Read an Excerpt

Kapitel 1

VERZWEIFELT LIESS ICH meine Stirn auf Ryan Hunters Schulter sinken. „Erschieß mich!“
„Na, na, warum denn gleich so melodramatisch, Bücherwurm?“ Hunter schlang einen Arm um mich und zog mich mit sich durch das Tor zum Fußballplatz hinter der Schule. „Es ist ja nur für ein paar Wochen. Schnapp dir einen Liebesroman, sabber ein bisschen über Edward Twilight, und du wirst sehen, dass die Zeit im Nu vorbei ist.“
„Cullen.“
„Was?“
„Sein Name ist Edward Cullen, nicht Edward Twilight.“ Ich verdrehte die Augen. „Und außerdem hab ich das Buch schon vor Jahren gelesen.“
„Aha. Na ja, wie auch immer.“ Er klopfte mir aufmunternd auf den Rücken. „Ich bin sicher, du findest eine andere Schnulze, die dich bei Laune hält, bis du wieder mit uns Fußball spielen kannst.“
Mit schmalen Augen musterte ich ihn scharf. „Willst du wirklich wissen, wie viele Bücher ich lesen muss, um in den nächsten zehn Wochen nicht komplett durchzudrehen?“
Ryan verzog das Gesicht. „Äh, nein.“
„Mindestens fünfhundertsieben oder mehr! Agh! Ich hasse Doktor Trooper. Wie konnte er mir das nur antun?“
Ryan schmunzelte. Es war dieses für ihn typische, relaxte Lachen. „Komm schon, Miller. Das ist nicht das Ende der Welt.“
„Das sagst du nur, weil du nicht dort drüben sitzen musst!“ Ich zeigte mit dem Daumen auf die Ersatzbank hinter uns. Doch als ich seinen hilflosen Blick und das Achselzucken sah, schraubte ich meinen Aggressionspegel wieder etwas weiter herunter. Es war ja nicht seine Schuld, dass ich im Moment außer Gefecht gesetzt war und wegen einer Knieverletzung nicht spielen konnte. Schuld war nur diese dumme Ziege aus dem Team der Riverfalls Rabid Wolves. Während unseres letzten Spiels hatte sie mir so hart gegen mein Bein getreten, dass ich dachte, meine Kniescheibe fliegt aus der Atmosphäre. Junge, hat das wehgetan. Am liebsten hätte ich geheult wie ein Baby. Doch vor dem ganzen Publikum konnte ich mir diese Blöße natürlich nicht geben.
Ryan ließ mich los, beugte sich runter und zog sich die weißen Socken über die Schienbeinschoner. Während er sich die Schnürsenkel seiner Stollenschuhe fester band, blinzelte er gegen die Novembersonne zu mir hoch. „Bleibst du und siehst uns beim Training zu? Liza kommt später auch noch vorbei.“
Ein Grinsen breitete sich über mein Gesicht aus. „Das war mein Plan.“ Seine Freundin, Liza Matthews, war auch eine meiner besten Freundinnen. Wir hatten vor einer halben Stunde miteinander telefoniert und ausgemacht, uns hier zu treffen.
Ryan nickte und sauste los aufs Feld zu den anderen Spielern der Grover Beach Bay Sharks. Ich winkte Tony, Alex und Nick, den Jungs aus meinem Team, dann machte ich kehrt und stapfte rüber zur Ersatzbank an der Seitenlinie des Feldes. Selbstverständlich hatte ich mir auch heute wieder ein Buch mitgenommen – und es war nicht Twilight – doch ich wollte meinen Freunden auch beim Training zusehen.
Die kommenden zehn Wochen würden die reinste Folter werden. Seit vergangenem Sommer war Fußball ein Teil meines Lebens geworden. Nicht, dass ich in irgendeiner Weise gut darin war, aber der Teamsport machte jede Menge Spaß. Außerdem war es nett, körperlich in Form zu kommen und mittlerweile fünf Kilometer laufen zu können, ohne dabei an Luftmangel zu kollabieren – und alles nur wegen Ryans exzessiven Trainings. Doch die Fitness war nicht das Einzige, was sich in letzter Zeit positiv an meinem Körper verändert hatte. Ich streifte mir das eng anliegende blaue T-Shirt glatt und blickte nach unten. Dabei grinste ich in mich hinein, denn letztendlich hatte ich doch noch all die hübschen Kurven bekommen, für die ich die letzten beiden Jahre so innig gebetet hatte. Kein Mädchen sollte ihren Führerschein vor einem ordentlichen Busen bekommen. So was war schlichtweg gemein.
Erst als ich schon fast bei der Ersatzbank angekommen war, blickte ich wieder hoch und – was zum Geier? Vor Schreck blieb mir die Spucke weg.
Ausgebreitet wie in einem Liegestuhl lag ein Junge auf der Bank, die Arme hinterm Kopf verschränkt, und blickte in den Himmel. Oder vielleicht hielt er auch gerade ein Schläfchen, wer konnte das schon wissen? Seine Baseballkappe hatte er tief ins Gesicht gezogen und in den Ohren hatte er Kopfhörer, die über ein Kabel an einen iPod angeschlossen waren, der auf seinem Bauch lag. Sogar aus fünf Metern Entfernung konnte ich die Musik von Volbeat hören. Hm, was Bands anging, hatte er definitiv einen guten Geschmack. In Sachen Kleidung leider weniger. Mit diesem bananengelben T-Shirt, den braunen Shorts und den noch viel schlimmeren braunen Sneakers sah er verdächtig wie der kleine Glatzkopf aus der Charlie Brown und Snoopy Show aus.
Ich hatte keinen blassen Schimmer, wer dieser Kerl war, oder warum er sich auf meinem Platz breitgemacht hatte. Doch da ich immer noch zum Team gehörte und er ganz offenbar nicht, war es nur fair, dass er die Bank für mich räumte. Auf der Tribüne weiter hinten gab es genug freie Plätze, wo er sein Nachmittagsschläfchen fortsetzen konnte.
Ich ging auf ihn zu, gab ihm mit dem Handrücken einen Klaps gegen sein aufgestelltes Knie und wartete, bis er seine Ohrstöpsel herausgezogen hatte; oder zumindest einen davon. „Hey, Charlie Brown, das ist mein Platz“, sagte ich mit einem Unterton, der keinen Raum für Diskussionen ließ. Zumindest hoffte ich das. An meinem Befehlston musste ich wohl noch etwas arbeiten, doch fürs Erste hatte es gereicht, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen.
Der Junge drehte den Kopf zur Seite, nahm die Kappe ab und strich sich mit einer Hand entspannt durchs Haar, das die Farbe von Sonnenlicht im Spiegel hatte. Zweimal blinzelte er kurz mit seinen kornblumenblauen Augen, dann kroch ein Lächeln auf seine Lippen. „Tschuldigung. Ich hatte ja keine Ahnung, dass auf dieser Bank dein Name steht.“
Ha! Grober Fehler! „Tja, wenn du genauer hinsehen würdest, dann könntest du ihn in einer der Holzlatten eingeritzt finden.“ Simone Simpkins und ich hatten uns hier letzten Sommer verewigt. Lange hatten wir versucht, auch Liza dazu zu überreden, aber sie hatte nur die Augen verdreht und uns ausgelacht. Von uns allen ist sie wohl die Vernünftigste.
Ein neugieriger Blick ersetzte das Lächeln des Fremden. „Ach, ist das so?“, fragte er vergnügt.
Ich ließ meinen Rucksack auf den Boden fallen, wobei der Eastpak halb auf meinem grauen Stiefel landete, und verschränkte die Arme vor der Brust. Endlich hatte Charlie Brown den Anstand, sich aufzusetzen. Je länger ich in sein Gesicht blickte, umso bekannter kam es mir vor. Womöglich hatte ich ihn schon einmal auf einer von Hunters Partys getroffen, doch bei Gott, mir fiel einfach kein Name zu diesem Gesicht ein.
Wie auch immer; er wollte und wollte einfach nicht das Feld für mich räumen, was mir mittlerweile begann, auf die Nerven zu gehen. Er zog den zweiten Ohrstöpsel raus und rutschte ans Ende der Bank. Nur mit einem leichten Nicken lud er mich ein, mich neben ihn zu setzen.
Grummelnd folgte ich seiner Aufforderung.
Neun Tage nach dem Unfall brauchte ich zwar keine Krücken mehr und ich konnte auch schon wieder problemlos Treppen steigen und Auto fahren, nur das Hinsetzen auf so niedrigen Dingen wie dieser Bank bereitete mir immer noch ein paar Probleme. Ich versuchte, mein Bein so gestreckt wie möglich zu halten, als ich langsam auf die Sitzfläche sank.
Die Peanuts-Imitation hatte inzwischen seine Kappe wieder aufgesetzt und das Kabel des iPods um seinen Hals gehängt. Im Moment betrachtete er mich gerade mit unverblümtem Interesse – das konnte ich aus dem Augenwinkel sehen.
„Du bist Susan Miller, nicht wahr?“, fragte er vorsichtig und gerade laut genug, um die Musik zu übertönen, die immer noch aus den Kopfhörern drang.
Mein Blick blieb an dem roten Hai hängen, der von dem Transparent auf der anderen Seite des Spielfeldes zu uns herübergrinste, und ich verschluckte mich beinahe. Entgeistert drehte ich mich zur Seite. „Welches Vögelchen hat dir denn das gezwitschert?“
„Kein Vögelchen. Dein Knie hat dich verraten.“ Verlegen rieb er sich den Nacken und sah gerade ebenso bedauernd drein wie ich damals, als mir meine Mutter gesagt hatte, dass ich meine Ameisenfarm gegrillt hatte. Ich war erst sechs Jahre alt gewesen und hatte gedacht, die kleinen Krabbler würden sich über ein Sonnenbad an einem ziemlich heißen Augustnachmittag bestimmt freuen.
„Und wenn ich nicht komplett falsch liege“, fuhr Charlie Brown fort und schaffte es dabei sogar, trotz einer mitleidvollen Grimasse süß auszusehen, „bin ich dein Ersatz.“
„Du bist was?“ Ich sprang so elegant auf, wie ich konnte – nur leider war das eben gar nicht elegant – und stemmte meine Fäuste auf die Hüften. „Hunter!“, schrie ich aus Leibeskräften quer übers Feld, drehte mich dann zu Charlie Brown um und schnaubte entrüstet wie ein Stier in der Arena. „Hör zu, Freundchen! Nur weil ich gerade untauglich bin, heißt das nicht, dass du so einfach daherkommen und mir meinen Platz stehlen kannst. Hunter!“
Nun stand der Junge ebenfalls auf und versuchte, mich mit besänftigenden Handbewegungen wieder runterzuholen, doch ich gab ihm keine Gelegenheit, auch nur den Mund aufzumachen. Stattdessen zeterte ich weiter: „In ein paar Wochen bin ich wieder wie neu und kann auch wieder Fußball spielen. Es gibt also keinen Grund dafür, mich irgendwie zu ersetzen. HUNTER! Beweg deinen verdammten Arsch hier rüber! Sofort!“
Charlie Brown biss sich auf die Unterlippe. „Ryan hat schon gesagt, dass dir diese Nachricht wohl schwer im Magen liegen wird. Es wundert mich, dass er es dir noch nicht selbst gesagt hat.“
Oh, er hatte nicht die kleinste Silbe davon erwähnt. Was zum Teufel sollte das? Ich fiel doch nur für ein paar Wochen aus und nicht für immer. Es bestand also absolut kein Grund, gleich loszurennen und mich durch den nächstbesten Spieler auszutauschen. „Was geht hier vor?“, fauchte ich Ryan an, als er endlich neben mir stand.
Erst einmal sog er die Luft durch seine Zähne ein. „Äh, hab ich vergessen, dir zu sagen, dass ich für deine Auszeit einen Ersatzspieler gefunden habe?“
„Na, ganz offensichtlich hast du das!“ Bei meinem Killerblick wich Ryan einen Schritt zurück. Wow, ich hatte ja keine Ahnung, dass ich den so gut draufhatte. Ein selbstgefälliges Lächeln zupfte an meinen Mundwinkeln, doch ich unterdrückte es.
„Entspann dich, Susie“, meinte der Junge mit dem gelben Shirt in einem ruhigen Ton und legte mir dabei eine Hand auf den Arm. Auf verschwörerische Weise nickte er Ryan zu, der anschließend die Fliege machte. Der hielt sich wohl für ganz schlau. Aber da hatte er mich noch nicht kennengelernt.
„Niemand nennt mich Susie“, brummte ich und zog meinen Arm weg.
„Okay, dann beiß mir bitte nicht den Kopf ab, und es kommt nie wieder vor.“ Er zwinkerte mir zu und zu meinem Erstaunen verschlug es mir dabei die Sprache.
Mit leicht geneigtem Kopf blickte ich die fünfzehn Zentimeter, die er größer war als ich, zu ihm hoch. Sein Lächeln streckte sich von einem Ohr zum anderen. Er sah gerade unheimlich süß aus, und nur deswegen gestand ich ihm zehn Sekunden zu, um loszuwerden, was auch immer er sagen wollte.
„Ich will dich ja gar nicht aus dem Team verdrängen. Vor ein paar Jahren habe ich selbst Fußball gespielt, und als Ryan mich letzte Woche gefragt hat, ob ich für dich einspringen könnte, hab ich zugesagt, um ihm einen Gefallen zu tun.“ Vorsichtig fasste er an meine Schultern, steuerte mich zurück zur Ersatzbank und half mir dabei, mich wieder hinzusetzen. Dann ging er vor mir in die Hocke und sah mir in die Augen. „Ich verspreche, an dem Tag, an dem du wieder fit bist, werde ich verschwinden, und du kannst wieder übernehmen. Na, wie hört sich das an?“
Er roch nach Zitronengras und Coladrops. Wahnsinn.
Ich holte noch einmal tief Luft und ließ meinen Frust dann gen Horizont segeln. Mit dem Zeigefinger schob ich meine Brille etwas weiter nach oben. Normalerweise trug ich sie nie, wenn ich zum Sportplatz kam, doch heute hatte ich ja vorgehabt zu lesen, und da blieb mir keine andere Wahl. „Schätze, das ist okay.“
„Großartig.“ Als er wieder aufstand, klatschte er einmal in die Hände und legte dann seinen iPod neben mich auf die Bank. „Passt du für mich darauf auf?“ Die Musik lief immer noch.
Ich nickte und Charlie Brown startete los aufs Feld. Doch bereits nach ein paar Schritten drehte er sich noch einmal zu mir um, wobei er rückwärts weiterjoggte. „Übrigens, mein Name ist Ethan.“ Er zuckte mit den Schultern und grinste. „Nur für den Fall, dass es dich interessiert.“ Ethan setzte seine Baseballkappe mit dem Schirm nach hinten auf, drehte sich wieder um und lief raus zu den anderen Spielern des Teams.
Meinen Blick starr auf seinen Rücken gerichtet, saß ich einige Sekunden stocksteif da. Meine Hände, normalerweise kalt wie Eisbeutel, waren plötzlich mit Schweiß überzogen. Wann zum Teufel hatte ich denn begonnen zu schwitzen? Ich wischte meine Handflächen an der weißen Jeans ab, die ich trug, und knirschte mit den Zähnen. Ersatzspieler, ha! Dazu würde mir Ryan später noch einige Fragen beantworten müssen.
Energischer als beabsichtigt zog ich den Reißverschluss meines Rucksacks auf und holte mein Buch heraus. Es war Das flammende Kreuz aus der Outlander-Saga. In den vergangenen zwei Wochen war ich regelrecht süchtig nach dieser Reihe geworden. Doch leider war dies schon Buch fünf von bisher insgesamt acht und, daher würde mich diese Serie kaum noch länger als die nächsten paar Tage beschäftigen. Tja, das war leider das Problem, wenn man Bücher verschlang wie andere Leute Popcorn – es ging einem furchtbar schnell der gute Lesestoff aus.
Drüben auf dem Spielfeld stellte Hunter Ethan gerade als den neuen Ersatzspieler vor. Die meisten meiner Mannschaftskameraden schienen ihn bereits zu kennen, was mich nicht wirklich überraschte. Wer Ryan kannte, kannte auch seine Freunde. Tja, außer mir ganz offensichtlich.
Ich schenkte ihnen weiter keine Aufmerksamkeit mehr und steckte lieber meine Nase in das Buch. Aber bei der Musik, die immer noch aus Ethans iPod kam, konnte ich mich einfach nicht aufs Lesen konzentrieren. Vielleicht hatte er sie ja genau aus diesem Grund nicht abgestellt. Er wollte mir wohl weiter auf die Nerven gehen. Für einen Moment dachte ich daran, die Musik auszuschalten oder zumindest leiser zu drehen, doch als ich nach dem iPod griff, entwickelte meine Hand so etwas wie ein Eigenleben und steckte mir prompt einen Stöpsel ins Ohr.
Na schön, ich war neugierig. Zuvor lief ein Song einer meiner Lieblingsbands, und ich wollte wissen, ob vielleicht noch weitere ihrer Lieder auf der Playlist waren.
Gerade sang mir Steven Tyler von Aerosmith ins Ohr und der Song war gar nicht mal schlecht. Ich übersprang ein paar Lieder und durchstöberte dann die Wiedergabeliste auf dem iPod. Bedauerlicherweise war von Volbeat nur dieses eine Lied vorhanden. Trotzdem steckte ich mir auch noch den zweiten Kopfhörer ins Ohr und hörte weiter Ethans Musik. Er hatte ein wenig Metal und ein wenig Rock; alles in allem traf das genau meinen Geschmack.
Mit gedrosselter Lautstärke begann ich, endlich zu lesen. Die nächsten zwanzig Seiten verflogen zu dem Sound der Kings of Leon. Nur ein- oder zweimal blickte ich hoch, um zu sehen, wie sich Charlie Brown denn so auf dem Fußballfeld machte, und – ach du heilige Scheiße – er war gut!
Ethan köpfte gerade einen Ball souverän an Nick Frederickson vorbei ins Tor. Dabei hatte Nick in diesem Jahr einen Junioraward als bester Nachwuchstorhüter in Nordkalifornien erhalten. Ethan machte auch eine stattliche Figur beim Laufen, ganz anders als Kyle Foster, der immer über den Rasen donnerte wie eine Dampflok auf Steroiden, und auch nicht wie Alex Winter, der heute sogar so langsam war, dass er sich die Schuhe beim Laufen hätte binden können. Tatsächlich war Ethan eine ernstzunehmende Konkurrenz für Ryan. Er benahm sich, als würde ihm der Platz gehören, allerdings auf sehr natürliche, sehr vertraute Art und Weise, ohne dabei überheblich zu wirken.
Sasha Torres und Ethan klatschten nach diesem majestätischen Tor ab, und das war auch der Moment, in dem Ethan zu mir rübersah. Das musste ja so kommen. Voll beim Staunen erwischt, stieg mir sofort die Röte ins Gesicht. Mit einem verschmitzten Grinsen ließ mich Ethan wissen, dass ihm mein Interesse nicht entgangen war.
Am liebsten wollte ich mich hinter meinem Buch verstecken und fluchen, und ja, vielleicht war das genau das, was ich gerade machte, aber erst nachdem er sich wieder weggedreht hatte und weiterspielte. Ich hatte seine Kopfhörer in den Ohren, ich hatte ihn angestarrt wie ein Künstler sein Modell und außerdem leuchtete mein Kopf vermutlich wie eine Fünfzigwattbirne. In dieser Sekunde wünschte ich mir eine Zeitmaschine herbei, mit der ich genau eine halbe Stunde zurückreisen könnte. Dann wäre ich nämlich nach dem Gespräch mit Hunter nie zu dieser Bank spaziert.
Jemand packte mich an der Schulter. Ich fuhr vor Schreck fast aus der Haut, wirbelte wild herum, und mir entwich auch noch ein heiserer Schrei. Den iPod schleuderte es dabei von der Bank auf den Boden. Na super – und das war nicht einmal meiner. Wie peinlich.
Zum Glück saß nur Liza neben mir, und ich bückte mich rasch, um Ethans iPod aufzuheben und den Staub abzuwischen. Dabei vergewisserte ich mich kurz, ob er auch nichts gesehen hatte. Er stand mit dem Rücken zu mir. Mit einem erleichterten Seufzen zog ich mir die Kopfhörer aus den Ohren und ließ sie in meinen Schoß fallen.
„Hey“, sagte Liza. „Was ist denn mit dir los? Wir sind wohl heute etwas schreckhaft, wie?“
Nachdem ich nun auch endlich die Musik abgeschaltet hatte, wandte ich mich Liza zu und kam direkt auf den Punkt. „Hast du gewusst, dass dein Freund mich ersetzt hat?“
Fünf volle Sekunden starrte mich Liza nur verdutzt an und runzelte dabei die Stirn. Dann strich sie sich mit den Fingern durch ihr langes braunes Haar und kräuselte die Lippen. „Und jetzt das Ganze bitte noch mal auf Deutsch, und zwar so, dass ich dir folgen kann.“
Also hatte sie keine Ahnung von Hunters Plan. Gut, denn hätte sie es gewusst und nichts gesagt, hätte sie damit einen wirklich fiesen Vertrauensbruch begangen. Ich lehnte meine Stirn an ihre Schulter und begann zu jammern. „Er hat Charlie Brown statt mir ins Team geholt.“
Lachend packte mich Liza bei den Schultern und richtete mich wieder auf. „Er hat was?“
„Gelbes Shirt“, raunte ich und nickte in Richtung der Spieler.
Unter all den hellblauen Trikots war Ethan leicht zu erkennen, und Liza sagte nur: „Oh.“
„Ja genau. Oh. Ryan hat ihm gesagt, er kann meinen Platz einnehmen, denn offenbar …“ – ich zog meine Augenbrauen zusammen, um den Zynismus in meiner Stimme zu unterstreichen – „… bin ich nicht mehr gut genug fürs Team.“
„Jetzt komm schon, das ist nicht wahr, und das weißt du auch. Ryan würde so etwas niemals tun. Er liebt dich genau wie den Rest der Mannschaft. Ich bin sicher, er und die anderen können es kaum erwarten, bis dein Knie wieder völlig intakt ist und du wieder mit ihnen trainieren kannst. Und warum sollte bis dahin nicht jemand für dich einspringen?“ Als sie noch einmal in Richtung Spielfeld blinzelte, schlich sich ein Lächeln auf ihr Gesicht. „Außerdem ist er ziemlich süß, wenn du mich fragst.“
Das tat ich nicht. Und es war mir auch egal. Er hatte meinen Platz in der Mannschaft nicht verdient.
„Wer ist süß?“ Simones Stimme überraschte uns von hinten und wir drehten uns um. Sie und Allie Silverman hatten sich unbemerkt angeschlichen und suchten gerade akribisch den Fußballplatz nach erwähnter Augenweide ab. Beide Mädchen hatten Haare so lang, dass die Spitzen bis ans untere Ende ihres Rückens reichten, nur war Simone eine natürliche Skandinavien-Blondine, während Allies Haar so schwarz war wie das Federkleid eines Raben. Genau wie Liza waren die beiden im Cheerleaderteam – dem Team, das uns Fußballspieler anfeuerte. Nur würden sie zukünftig Ethan anfeuern, und nicht mehr mich.
„Der Junge, der angezogen ist wie eine faulige Banane“, lästerte ich, um Simones Frage zu beantworten. „Allerdings ist süß wohl ein Ausdruck, über den sich streiten lässt. Ich kann den Kerl nicht leiden. Er spielt jetzt auf meiner Position in Ryans Team.“
Allie schnappte entsetzt nach Luft. „Für immer?“
„Vorübergehend“, klärte Liza sie auf und krempelte sich die Ärmel ihrer rosa Bluse nach oben. „Nur so lange, bis Susan wieder spielen kann.“
„Ach so, na dann ist ja alles gut.“ Simone streifte sich ihre hübschen Locken über die Schulter und kicherte. „Der ist ja echt eine Sahneschnitte. Wie ist sein Name?“ Simone war mit Alex Winter, einem Jungen aus meinem Team zusammen, und die beiden konnten ihre Finger kaum zehn Minuten am Stück voneinander lassen. Dass sie da noch die Zeit hatte, anderen Kerlen hinterherzusehen, überraschte mich. Allerdings wussten wir alle, es hatte nichts zu bedeuten und entlockte uns deshalb nur ein amüsiertes Schmunzeln. Sie würde Alex niemals – für nichts und niemanden auf der ganzen weiten Welt – abservieren.
„Ethan“, sagte ich.
„Hast du schon mit ihm gesprochen?“, wollte nun Allie wissen.
„Nur ganz kurz. Vor dem Training. Wieso?“
„Weil er dich gerade von oben bis unten abcheckt.“
„Wie bitte?“ Oh Mann, in diesem Moment machte ich wohl das Dümmste, das man in meiner Situation tun konnte. Ich drehte mich um und überzeugte mich selbst davon. Es war ein dämlicher Reflex, und ich bereute es in der Sekunde, als sich unsere Blicke auf halber Strecke trafen. Mein Mund stand vor Überraschung ein klein wenig offen. Charlie Brown rang sich ein Lächeln ab, bevor er sich wieder mit Feuereifer ins Spiel einbrachte.
Vor Scham aufstöhnend, schlug ich mir beide Hände vors Gesicht. „Ich hasse euch! Jetzt denkt er bestimmt, ich würde ihn abchecken.“
„Und, hast du?“, stichelte Liza neckisch.
„Nein!“ Zugegeben, ich hatte es vielleicht vor ein paar Minuten gemacht, bevor sie alle gekommen waren, aber gerade eben war es ein totales Missverständnis gewesen. Ein dummer Zufall – von meinen Freundinnen inszeniert. Ich sollte ein Loch von hier bis nach China graben und mich darin verkriechen.
Als ich meine Hände wieder von meinem Gesicht nahm, sah ich einen Lichtblick am Horizont. Samantha Summers, die Fünfte in unserem Bunde und das Mädchen, das Kirschlollis inhalierte wie andere Leute Luft, spazierte gerade auf uns zu. Seit sie vor drei Wochen nach Grover Beach gezogen war, hatte sie sich schnell einen Premiumstatus als beste der besten Freundinnen bei mir erworben. Sie war klein und lustig und ich liebte sie wie eine Schwester. Sie würde mir im Kampf gegen diese verrückten Hühner den Rücken stärken.
Sam setzte sich im Schneidersitz vor uns ins Gras und verzog skeptisch das Gesicht. „Du siehst ja vielleicht genervt aus, Susan. Was hab ich verpasst?“
„Ethan“, verrieten ihr die anderen drei.
„Wer ist Ethan?“
„Ich sag’s dir, wenn du versprichst, dich nicht gleich umzudrehen und nach ihm Ausschau zu halten“, warf ich schnell ein, bevor ihr noch eine der anderen von meinem Ersatz erzählen konnte.
Sam runzelte die Stirn noch ein wenig mehr und sah plötzlich aus, als würde sie gleich vor Neugier platzen. „Gut, versprochen.“ Nachdem ich ihr dann dieselbe Geschichte wie den anderen zuvor erzählt hatte, begann sie zu grinsen. „Oh Mann, es tut mir leid, Susan, aber jetzt muss ich mich einfach umdrehen. Es geht nicht anders. Ich muss diesen Jungen sehen, und zwar jetzt gleich!“ Sie zappelte ungeduldig auf dem Boden herum, doch ich schwöre, bei ihrem ersten Versuch, sich umzudrehen, hätte ich das kleine Biest an seinen fransigen schwarzen Haaren zurückgezogen.
„Nein! Das geht nicht!“, fauchte ich und hielt dabei meinen Blick vom Feld abgewandt. „Er hat vorhin schon mitgekriegt, dass wir ihn beobachten.“
„Susan, du bist verrückt“, lachte Liza und fügte noch hinzu: „Aber es besteht kein Grund mehr, sich umzudrehen, Sam. Du hast Glück – er kommt gerade hierher.“
Wie bitte? Mir stockte der Atem … dann schluckte ich erst mal … und schließlich sah ich im Augenwinkel, wie der Ball auf uns zurollte und neben Sams Bein im Gras liegen blieb. Sie schnappte ihn sich und wartete bis Charlie Brown es zu ihr geschafft hatte, dann überreichte sie ihm grinsend den Ball.
„Hi, Ethan!“, sangen alle Mädchen gleichzeitig. Alle bis auf eine. Nämlich mich.
Total entsetzt starrte ich in Ethans spitzbübisch funkelnde Augen. Als er dann auch noch begann zu schmunzeln, wollte ich ihm ins Gesicht schreien: Dann hab ich ihnen halt deinen Namen gesagt, na und? Nur wollten meine Lippen die Worte einfach nicht formen und Stimme hatte ich im Moment sowieso gerade keine.
Ethan begrüßte die anderen mit: „Hey, Mädels.“ Dann landete sein Blick in meinem Schoß, wo dummerweise noch immer sein iPod lag. „Du stehst auf meine Musik?“ Er lachte leise und gab mir keine Chance, ihm eine bissige Antwort reinzudrücken, denn er war bereits wieder auf dem Weg zurück aufs Spielfeld.
„Na vielen Dank auch euch allen!“, zischte ich durch meine Zähne hindurch. Und die wollten meine Freundinnen sein? Aber am Ende musste ich selbst darüber lachen, denn abgesehen von der Blamage, die ich gerade durchleben musste, hatte die Situation auch etwas Komisches. Würde es hier nicht um mich gehen, hätte ich wohl genauso schamlos mit den Hühnern mit gegackert.
Die Beine im Gras ausgestreckt, lehnte sich Sam zurück und stützte sich auf ihre Ellbogen. Zwar war sie mit ihren unter-eins-sechzig die Kleinste von uns allen, doch aufgrund der Armyhose, die sie fast immer anhatte, und dazu noch der schwarzen Doc Martens sah sie mit Sicherheit auch am gefährlichsten aus. Natürlich trog der Schein hier gewaltig. Samantha war die treuherzigste Person, die ich kannte. Im Moment stieß sie einen langen Seufzer aus. „Nimm’s nicht so schwer, Susan. Er spielt für eine Weile auf deiner Position im Team und er ist süß. Das ist doch kein Drama.“
Damit hatte sie bestimmt recht. Denn mit Dramen kannte Sam sich aus. Erst vor einer Woche hätte ihre Cousine Chloe es durch hinterlistige Anschuldigungen beinahe zustande gebracht, Sam des Landes zu verbannen. Sams Vater war ein General in der US-Armee und für weitere vier Monate in Kairo stationiert. Um ihr den Wechsel auf eine neue Schule zu erleichtern, hatten ihre Eltern Sam Anfang November nach Grover Beach geschickt, damit sie über den Winter bei Chloe und ihrer Familie wohnen und sich schon mal in der Highschool einleben konnte. Dieser Plan wäre dank Chloe beinahe gescheitert und sie hätte fast wieder nach Ägypten zurückfliegen müssen.
Tja, im Rückblick hatten wir doch einen sehr ereignisreichen Herbst gehabt.
Gerade machte das Team ein Time-out und Sams Freund Tony kam zu ihr gelaufen. Er beugte sich über sie und luchste ihr einen raschen Kuss ab. Das machte er regelmäßig während des Trainings und meistens kam er nicht allein. Hunter konnte normalerweise auch nicht widerstehen, Liza hin und wieder ein Küsschen zu stehlen, doch im Moment blieb er unserer kleinen Mädelsrunde fern.
Liza zog einen Schmollmund, als ihr Freund keine Anstalten machte, Tony zu folgen, und fragte: „Wieso kommt Ryan nicht?“
„Er hat die Hosen voll“, scherzte Tony. „Nach der Sache mit Ethan hat er Angst, dass Miller ihm den Kopf abbeißt.“
„Ha, ha“, gab ich zynisch zurück. Doch er hatte vermutlich gar nicht so unrecht. Ich grinste mit zusammengepressten Lippen rüber zu Ryan. Der rieb sich verlegen den Nacken und lachte. Er wusste wohl ganz genau, dass Tony ihn gerade verraten hatte.
Da nur noch ein paar Minuten zu spielen waren, sauste Tony wieder zurück auf den Platz und schoss wenige Sekunden später das 3:2 gegen Ryans Team. Den beiden dabei zuzusehen, wie sie sich einen unerbittlichen Kampf lieferten, war immer eine helle Freude. Schwer zu sagen, wer der bessere Spieler von ihnen war.
Da dies Ryans Abschlussjahr an der Grover Beach High war, fragte ich mich, ob er am Ende wohl Tony als neuen Mannschaftskapitän nominieren würde. Doch dafür war noch Zeit genug, und im Moment wollte sowieso keiner daran denken, dass die Hälfte des Teams nächstes Jahr aufs College gehen würde.
Um Viertel vor vier war das Training schließlich vorüber. Sofort stieben meine Freundinnen auseinander wie ein paar aufgescheuchte Hühner und eilten zu ihren Jungs. Da ich mit meinen siebzehn Jahren immer noch so single war, wie man es nur sein konnte, hatte ich niemanden, zu dem ich rennen konnte. Also blieb ich sitzen und packte mein Buch zurück in den Rucksack.
In diesem Moment bemerkte ich Ethan, der auf mich zukam, und mein Mund wurde schlagartig trocken. Warum? Weil er gerade die Vorderseite seines Shirts hochgezogen hatte und sich damit den Schweiß vom Gesicht wischte. Dabei durfte ich einen exklusiven Blick auf sein Sixpack werfen. Der echte Charlie Brown sah unter seinem gelben Shirt sicher nicht einmal annähernd so heiß aus wie Ethan.
Damit ich kein drittes Mal beim Gaffen und Sabbern erwischt werden würde, drehte ich mich schnell weg und stand auf. Mit dem Rucksack auf den Schultern wollte ich gerade losmarschieren, da rief mir Ethan zu: „Hey, Susan, warte doch mal einen Moment!“
Überrascht blieb ich stehen. Er trottete zu mir herüber und blieb so knapp vor mir stehen, dass ich eine Duftwelle seines Schweißes abbekam. Zum Glück hatte er genug Deo aufgetragen, also war der Geruch gar nicht mal so übel. Vielleicht war es auch nur sein Duschgel, das mir in die Nase stieg, wer weiß. Auf jeden Fall roch er sehr männlich und … gut.
Vom Training noch leicht außer Atem setzte er sich auf die Ersatzbank und blickte zu mir hoch. Er hatte seine Baseballkappe neben sich auf die Bank gelegt und streifte sich mit beiden Händen durch die verschwitzt-chaotischen Haare. Seine Wangen waren rot wie die eines kleinen Jungen nach dem Spielen. Um ehrlich zu sein, sah er in diesem Augenblick einfach nur zum Knuddeln süß aus.
„Was gibt’s?“, fragte ich und versuchte dabei nicht daran zu denken, wie er mich vorhin beim Anschmachten ertappt hatte. Hoffentlich war das nicht der Grund, warum er mit mir reden wollte. Seinen iPod hatte ich ja auch wieder unversehrt an seinen Platz zurückgelegt.
Als Ethan nach meiner Hand griff und mich mit Rücksicht auf mein Knie vorsichtig neben sich auf die Bank zog, leistete ich ausnahmsweise mal keinen Widerstand. „Wir müssen uns über meine Aufnahme ins Team unterhalten.“
„Du hast meinen Platz gestohlen“, antwortete ich ein wenig beleidigt. „Was gibt’s da noch zu reden?“
Er verzog schuldbewusst das Gesicht und ließ erst jetzt meine Hand los. „Hunter hat gesagt, ich kann nur mit deiner Erlaubnis ins Team.“
„Oh.“ Mein Blick schweifte aufs Fußballfeld, wo Ryan mit Liza stand und offenbar unsere Unterhaltung aus der Ferne beobachtete. Als ich auffordernd meine Augenbrauen hob, machte er Anstalten, in unsere Richtung zu joggen, doch Liza hielt ihn am Arm zurück. Ich konnte nicht hören, was sie ihm gerade gesagt hatte, doch Hunter begann zu lächeln und verließ den Platz mit ihr in entgegengesetzter Richtung. Liza warf mir einen raschen Blick über ihre Schulter zu und gab mir auch noch ein sehr auffälliges Daumen-hoch-Zeichen. Mann, war das peinlich. Hielt sie sich jetzt etwa für Grover Beachs neue Kupplerin?
Es grenzte an ein Wunder, dass Ethan nicht mitbekommen hatte, was sich gerade in zwanzig Metern Entfernung abgespielt hatte. Seine Aufmerksamkeit war immer noch auf mich gerichtet. „Also, was denkst du?“, fragte er mich mit sanfter, aber hoffnungsvoller Stimme. „Bin ich gut genug für die Bay Sharks?“
Mit gesenktem Blick räusperte ich mich, um etwas gegen meinen trockenen Hals zu unternehmen. „Woher soll ich das wissen?“, murmelte ich. „Ist ja nicht so, als hätte ich dich beim Spielen beobachtet.“
Ethan starrte mich ein paar Sekunden lang an, bis ich mich schließlich wieder zu ihm drehte. Gerade schob sich sein linker Mundwinkel langsam zu einem verschmitzten Lächeln nach oben. „Lügnerin.“
Erwischt. Oh Mann, wurde mir vor Scham gerade heiß! Und wieder wünschte ich mir eine Zeitmaschine herbei, um die Ereignisse des heutigen Nachmittags noch einmal zu verändern. Da das aber leider nicht möglich war, konnte ich nur noch eins tun – nämlich aus voller Kehle lachen. Ich wusste nicht wieso, es platzte einfach so aus mir heraus. Und noch dazu klang ich dabei halb hysterisch, beinahe so wie eine Hyäne. Oh ja, das war sexy Susan Miller in voller Pracht.
Aber ob sexy oder nicht, die Anspannung der letzten Stunde fiel endlich von mir ab. Ich konnte Charlie Brown geradewegs in die Augen sehen und wurde dabei nicht einmal mehr rot. „Na schön, du hast recht. Ich hab dich wohl ein bisschen beobachtet. Schließlich musste ich doch sehen, was Hunter angeschleppt hat. Und“ – wo wir schon dabei waren – „die Sache vorhin mit den Mädels war echt dämlich, ich weiß, aber ich werde mich dafür nicht entschuldigen.“
Ethan hatte mich fasziniert beobachtet, als ich meinen Lachanfall hatte. Nun lachte er selbst leise. „Musst du auch nicht. Ich fand’s süß, dass du ihnen sofort meinen Namen erzählen wolltest.“
Daraufhin verdrehte ich nur meine Augen. „Ja. Genau. Als ob das das Einzige war, woran ich denken konnte, nachdem du dich vorgestellt hast.“ Ja. Genau. Als ob es nicht genau so gewesen wäre. Ich zuckte mit den Schultern und hatte plötzlich das Gefühl, als ob zwischen uns eine seltsame Vertrautheit aufkommen würde. Aus diesem Grund war ich wohl auch so offen zu ihm, als ich sagte: „Was deine Frage angeht, ich denke, du bist ein ganz guter Spieler. Deine langen Pässe sind ausgezeichnet und du hast bereits im ersten Training zwei Bälle in Fredericksons Tor versenkt. Schätze, die Mannschaft könnte jemanden wie dich gut gebrauchen. Und ja … ich steh auf deine Musik.“ Nun streckte ich ihm die Zunge raus.
Heiliger Bimbam, ich sollte wirklich aufhören, mich um Kopf und Kragen zu reden, was, um ehrlich zu sein, doch etwas öfter vorkam, als mir lieb war. Besonders wenn ich anfing, mich in der Nähe von jemandem wohlzufühlen. Und so wie es aussah, war Ethan genau so jemand, denn ich konnte gerade mal wieder meine Klappe nicht halten. „Du hast eine Menge guter Songs auf deiner Playlist. Und dass ich reinhören musste, war sowieso nur deine Schuld. Du hättest die Musik ja auch einfach ausschalten können.“
Leicht überrascht – entweder wegen meines verbalen Ergusses oder meines Musikgeschmacks – sah er mich von der Seite aus an. „Dir gefällt Aerosmith?“
„Na ja, die jetzt nicht gerade so sehr, aber dafür könnte man behaupten, ich inhaliere Kings of Leon. Leider ist viel zu wenig von Volbeat auf deinem iPod. Das ist meine zweitliebste Band auf der Welt.“
Ethan rutschte zurück und platzierte einen Fuß auf der anderen Seite der Bank, sodass er mir mit gegrätschten Beinen gegenübersaß. In seine Augen trat ein aufgeregtes Funkeln, das ich nur zu gut von mir selbst kannte, wenn ich über Bücher oder Musik redete. „Ja, die sind echt genial!“, stimmte er mir zu. „Ich hab die Band erst vor ein paar Tagen entdeckt, aber ich werde mir, so schnell es geht, alle CDs von ihnen besorgen, die auf dem Markt sind. Halt mich meinetwegen für bescheuert, aber wenn ich wirklich auf Musik stehe, dann will ich mir die Songs nicht einfach nur als MP3 downloaden. Ich bin ein –“
„Sammler? Das bin ich auch! Total!“
„Ja, so was in der Art. Leider hat der Musikladen in der Stadt keine große Auswahl. Ich werde mir das Meiste wohl bestellen müssen.“
„Ich hab all ihre CDs und DVDs. Ihr bestes Album ist definitiv Live from beyond Hell. Wenn du willst, kann ich es dir leihen.“ Als Ethan nickte, machte ich mir eine gedankliche Notiz, die CD heute Abend noch rauszusuchen und sie morgen mit in die Schule zu nehmen. „Willst du was Cooles hören? Auf ihrem letzten Konzert in Monterey hab ich die Jungs Backstage getroffen und sie haben mir meine Kapuzenjacke signiert.“
„Ist nicht wahr! Wie cool ist das denn?“
„Seeeehr cool.“ Ich holte meinen Rucksack, den ich bis dahin immer noch auf dem Rücken getragen hatte, nach vorn und fischte mein Handy heraus. Fieberhaft durchsuchte ich die vielen Hundert Fotos darauf. Als ich endlich gefunden hatte, wonach ich suchte, hielt ich Ethan das Handy unter die Nase und grinste wie ein gekrümmtes Wiener Würstchen.
Auf dem Bild war ich zusammen mit dem Sänger von Volbeat zu sehen. Er hatte seinen Arm locker um meine Schultern gelegt und wir beide zwinkerten uns gegenseitig zu, anstatt in die Kamera zu lächeln.
„Mann, Wahnsinn! Das ist ja oberhammergeil!“
„Ja, total. Und er hat so furchtbar gestunken, völlig verschwitzt nach dem Megakonzert …“ Ich musste wieder lachen. „Und trotzdem hab ich es an diesem Abend einfach nicht über mich gebracht, hinterher duschen zu gehen.“
Ethan sah mich mit ernsten Augen an. „Das kann ich absolut verstehen. Ich hätte Michael Poulsens DNS bestimmt auch nicht abgewaschen, wenn sie an mir geklebt hätte.“
Konnte es sein, dass Charlie Brown und ich tatsächlich die gleiche Sprache sprachen? Ich kannte ihn jetzt wie lange? Fünf Minuten? Dennoch hatte ich das Gefühl, dass vor mir mein Seelenverwandter saß. Endlos schwärmten wir von unseren Lieblingsbands, die ein natürliches Talent auf die Bühne brachten, und lästerten im Gegenzug über andere Musiker, die sich für die nötige Aufmerksamkeit offenbar vor der Kamera nackt ausziehen mussten.
Bei dem Gedanken daran, wie sehr Ethan und ich im Einklang waren, fehlten mir die Worte. Okay, nein, das stimmte so nicht ganz. Es gab auf der Welt nur sehr wenige Dinge, bei denen es mir wirklich die Sprache verschlug, doch das hier war gerade mehr als überwältigend. Keiner meiner Freunde teilte meine Leidenschaft für Musik so sehr wie Ethan. Er war definitiv ein Junge, den man sich krallen und nie wieder loslassen sollte.
Als irgendwann mein Handy anfing zu läuten, waren wir gerade so in unser Gespräch vertieft, dass ich erst beim fünften oder sechsten Klingeln ranging und abwesend sagte: „Ja?“
„Susan? Wo bist du?“
Oha. Die aufgebrachte Stimme meiner Mutter lenkte meine Aufmerksamkeit dann doch ganz schnell von Ethans kornblumenblauen Augen ab. „Am Fußballplatz“, gab ich zaghaft zurück. „Wieso?“
„Es ist schon nach sieben. Deine Großtante Muriel ist hier. Wir warten schon seit über einer halben Stunde mit dem Abendessen auf dich.“
Ich nahm das Handy kurz vom Ohr, um auf das Display zu schauen. Tatsächlich, fünf nach sieben. Verfluchter Mist. Durch die Unterhaltung mit Ethan hatte ich doch total den Geburtstag meines Großvaters vergessen. Seine leicht senile und definitiv schwerhörige Schwester Muriel war extra aus Pasadena gekommen, um mit uns zu feiern. Eigentlich hätte ich heute Nachmittag meiner Mutter in der Küche helfen sollen. Wohin war nur die Zeit verflogen? Wir konnten doch nicht allen Ernstes drei Stunden verquatscht haben. Ich hatte das Gefühl, als würde mir gerade sämtliche Farbe aus dem Gesicht weichen. „Tut mir leid, Mom. Ich hab wohl die Zeit vergessen“, sagte ich und versprach ihr, in ein paar Minuten zu Hause zu sein.
Nachdem ich aufgelegt hatte, fragte Ethan enttäuscht: „Musst du schon gehen?“
„Ja, leider. Familienfeier.“ Mit einem langen Gesicht und einem Seufzen stand ich auf und schwang meinen Rucksack über die Schulter. „Ich kann nicht glauben, dass ich das echt vergessen habe.“
Ethan kam ebenfalls hoch. „Ja, ist schon verrückt. Ich hätte schwören können, dass wir nicht länger als zwanzig Minuten hier gesessen haben.“ Gemeinsam spazierten wir zum Ausgang des Sportplatzes. Als wir auf dem Parkplatz ankamen, blieb er bei einem blauen Ford Mustang stehen. Sein Blick schweifte für einen Moment zwischen mir und dem Auto hin und her. „Soll ich dich mitnehmen?“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich wohne nicht weit weg von hier. Es sind nur ein paar Minuten zu Fuß.“
Ethan sagte zwar nur: „Okay“, doch es hörte sich eher an wie: Ach wie schade. Und genau dasselbe dachte ich mir auch gerade. Ich wollte noch nicht heimgehen. Ich hatte mich schon lange nicht mehr so gut unterhalten wie heute. Um ehrlich zu sein, waren mein Mund und Hals vom vielen Reden derart ausgetrocknet, dass ich die ganze Strecke vom Fußballfeld bis zum Parkplatz permanent schlucken musste, um nicht zu krächzen wie ein Rabe.
Für einen Augenblick sahen wir uns an, als wollte sich keiner von uns beiden als Erster verabschieden. Als ich mich dann doch entschlossen hatte, ihm Auf Wiedersehen zu sagen, kam er mir zuvor. „Ähm, das war echt nett vorhin … mit dir. Vielleicht sollten wir das wieder mal machen. Was meinst du? Morgen nach der Schule? Wir könnten doch irgendwohin gehen und was trinken.“
Ich strich mir mit den Fingern durch mein Haar und spielte dann mit einer Strähne, die mir über die Schulter nach vorn hing. „Wie? Etwa wie ein –“
„Date?“ Er zuckte mit den Schultern. „Ja, schätze schon. Um drei in Charlie’s Café?“
Ein verdächtiges Kribbeln breitete sich in meiner Magengegend aus. So eines, wie ich es sonst nur kannte, wenn ich mir Filme ansah, in denen Zac Efron mitspielte. „Okay.“
„Okay“, wiederholte er und schenkte mir noch ein Megawattlächeln, bevor er seine Wagentür aufmachte.
Anstatt nun doch endlich Auf Wiedersehen zu sagen, winkte ich einfach kurz und machte mich auf den Weg. Dabei strahlte ich wie ein Glühwürmchen im Dunkeln. Ich hatte kaum mehr als drei Schritte gemacht, da pfiff mich Ethan noch einmal zurück. „Hey, warte!“, rief er und ich drehte mich zu ihm um. „Was soll ich denn jetzt Hunter sagen? Lässt du mich spielen, oder nicht?“
Mit einem Lachen zwirbelte ich noch einmal die Haarsträhne von vorhin um meinen Finger. „Na ja, zu einem Date mit dir hab ich doch auch Ja gesagt, oder?“
Das war meine ganze Antwort. Anschließend eilte ich nach Hause und hoffte, noch ein Stück von der Geburtstagstorte abzubekommen, bevor Tante Muriel alles alleine aufaß.