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Der Zufallsbräutigam

von Denise Grover Swank

Übersetzt von: Jeannette Bauroth
Originaltitel: The Substitute
Erscheinungsdatum: 1. Juli 2015

Eigentlich hatte Megan Vandemeer ihre Eltern über die gelöste Verlobung informieren wollen, aber anderthalb Monate später sitzt sie in einem Flugzeug auf dem Weg nach Hause zu ihrer Hochzeit. Nachdem sie die hässliche Wahrheit lange genug ignoriert hat, ist es höchste Zeit, sich der Realität zu stellen – eine Horrorvorstellung, da ihre Mutter hundertprozentig sie für die geplatzte Hochzeit verantwortlich machen wird statt Megans fremdgehenden, gefühlskalten Ex. Ein paar Drinks und zwei Tabletten gegen Reisekrankheit später erzählt Megan dem großen, gutaussehenden Mann neben sich ihre traurige Lebensgeschichte.

Josh McMillan bleibt nur noch eine Woche Zeit, um sein Unternehmen zu retten, als er in einem letzten verzweifelten Versuch nach Kansas City fliegt – was genau er dort vorhat, weiß er selbst noch nicht so recht. Die unerwartete Antwort findet sich in der wunderschönen Brünetten neben ihm. Obwohl sie offensichtlich völlig verrückt ist, gefallen ihm ihre Ehrlichkeit, ihre Offenheit und ihr Humor. Als ihr kurz vor der Landung schlecht wird, hilft er ihr beim Aussteigen aus dem Flugzeug – eine gute Tat, die zu einem kolossalen Missverständnis führt: Ihre Eltern halten ihn für den Verlobten. Durch eine unerwartete Fügung des Schicksals kann diese Verwechslung für Josh möglicherweise die Rettung seines Unternehmens bedeuten, also spielt er mit, um auch Megan zu helfen. Alles, was er tun muss, ist eine öffentliche Szene zu inszenieren, die überzeugend genug ist, um Megans Mutter von seiner Schuld am Ende der Verlobung zu überzeugen.

Josh ist also nur der Ersatzbräutigam, aber je mehr Zeit er mit Megan verbringt, desto realer kommt beiden ihre Verlobung vor … und desto weniger wollen sie miteinander Schluss machen. Kann eine Beziehung, die als eine Farce begann, tatsächlich zu einem Happy End führen?

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Kapitel 1

Es war gerade erst halb elf, aber der Tag konnte kaum noch schlimmer werden.

Megan Vandemeer starrte auf das Flugzeug auf der Rollbahn. Was zum Teufel hatte sie sich nur dabei gedacht? Schon in zwanzig Minuten würde sie an Bord der Maschine von Alaska Airlines sitzen.

Ihr Handy klingelte und sie kramte es aus ihrer Handtasche hervor. Als sie die Nummer ihrer besten Freundin Blair auf dem Display erkannte, zuckte sie zusammen. Trotzdem nahm sie den Anruf an.

„Wie hat sie es aufgenommen?“, fragte Blair.

„Na ja …“ Megan sah hinauf zur digitalen Anzeige am Gate. Noch fünf Minuten bis zum Boarding.

„Moment mal.“ Blair klang angespannt. „Bitte sag mir, dass du es ihr erzählt hast.“

„Ich hab es ihr erzählt.“

Es herrschte einen Moment lang Stille. „Du lügst. Das ist deine Lügenstimme.“

Megan schüttelte den Kopf. „Ich hab eine Lügenstimme?“

„Sie ist eine halbe Oktave höher als deine normale und wird zum Ende hin immer kurz angebunden.“

„Sollte ich mir Sorgen machen, weil du mich so gut kennst?“

„Wir sind seit dem Kindergarten befreundet. Ich hoffe doch sehr, dass ich dich so gut kenne.“ Blair stöhnte. „Auch wenn du versuchst, das Thema zu wechseln, deiner Mutter wird es auffallen, wenn du zu deiner eigenen Hochzeit nicht auftauchst.“

Eine undeutliche Ansage über eine Gateänderung ertönte und Megan bedeckte schnell das Mikrofon an ihrem Handy.

„Megan, du musst es ihr sagen!“, drängte Blair.

„Werde ich.“ Die Anzeige verkündete, dass jetzt nur noch vier Minuten bis zum Boarding blieben.

„Wann?“

„Heute Nachmittag.“

„Warum rufst du sie nicht gleich an?“ Erneut ertönte eine Durchsage und Blair schnappte nach Luft. „Du bist doch nicht etwa am Flughafen?“

„Blair …“

„Du hast deinen Flug überhaupt nicht storniert.“

Megan schob sich die Haare aus dem Gesicht und beugte sich vor. Leise sagte sie: „Ehrlich, ich hab es vergessen.“

„Lügnerin.“

Tränen brannten in Megans Augen. „Ich brauche im Moment eine Freundin, Blair. Keinen verdammten Lügendetektor.“

„Es tut mir leid.“ Blair seufzte. „Du hast recht. Glaub mir, ich verstehe, warum du das vor dir hergeschoben hast. Deine Mutter jagt sogar mir Angst ein, obwohl ich mich nicht so leicht einschüchtern lasse. Aber du musst es ihr sagen, Megs. Je länger du wartest, desto schwieriger wird es.“

„Ich weiß, aber ich will es ihr persönlich sagen. Außerdem bleibt mir inzwischen kaum etwas anderes übrig.“

„Du fliegst also wirklich nach Hause?“

Megan warf einen Blick hinüber zum Gate. „In zwei Minuten steige ich ins Flugzeug.“

„Okay.“ Blair schwieg einige Sekunden lang und Megan wusste, dass sie gerade an einem Plan arbeitete. Blair war die einzige Person, auf die sie sich in einer Krise verlassen konnte. Falls es jemals zu einer Zombie-Apokalypse kommen sollte, bestand ihre beste Überlebenschance darin, sich nicht von Blairs Seite zu rühren. „Du musst heute Abend flüchten. Vielleicht können wir zu dritt ausgehen – du, ich und Libby.“

Megan schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. „Danke.“

„Wofür hat man schließlich beste Freundinnen? Ruf mich an, wenn du es hinter dich gebracht hast. Allerdings werde ich das Gebrüll sowieso bis in die Innenstadt hören. Wenn du einen Schlafplatz brauchst, ich hab ein Bett frei.“

„Was ist mit Neil?“

„Er ist drei Tage geschäftlich verreist und kommt erst am Freitag zurück. Außerdem übernachtet er sowieso nicht gerne unter der Woche bei mir.“

„Aber ihr wollt in drei Monaten heiraten. Werdet ihr denn nicht zusammenwohnen?“

„Doch, natürlich“, erwiderte Blair und klang dabei abwehrend. „Wir überlegen uns eine Lösung, wenn es soweit ist.“

„Versteh ich nicht“, murmelte Megan kopfschüttelnd.

„Sagt die Frau, die gerade ein Flugzeug besteigt, um zu ihrer Hochzeit zu fliegen, obwohl sie vor fünf Wochen mit ihrem Verlobten Schluss gemacht hat.“

„Sechs.“

„Traurigerweise macht es das nur noch schlimmer.“

Eine Angestellte der Fluglinie am Schalter des Gates nahm das Mikrofon auf. „Wir beginnen jetzt das Boarding für den Flug 365 nach Kansas City. Zuerst begrüßen wir die Passagiere der ersten Klasse an Bord.“

„Blair, ich muss auflegen. Die erste Klasse wurde gerade aufgerufen. Wenn man bedenkt, wie viel das Ticket gekostet hat, dann will ich so schnell wie möglich an Bord, damit ich alles so lange wie möglich auskosten kann.“

„Besonders den Alkohol. Dort gibt es Gratisgetränke.“

Megan verdrehte die Augen, obwohl ihre Freundin das nicht sehen konnte. „Es ist noch nicht mal elf Uhr vormittags, Blair.“

„Mimosas. Bloody Marys. Screwdrivers. Das sind alles Brunchdrinks.“

Erneut ertönte eine Ansage. „Wir bitten die Passagiere der ersten Klasse nun, an Bord zu kommen.“

Megan nahm ihre Handtasche und stand auf. „Es geht los. Ich ruf dich später an.“

„Du schaffst das, Megs. Was ist das Schlimmste, was sie tun kann?“

Megan erschauerte. „Da will ich nicht einmal drüber nachdenken. Ich geb dir Bescheid, wie es gelaufen ist.“ Sie legte auf und stopfte das Handy in die Handtasche, ehe sie besorgt hinüber zum Gate sah.

Der Gedanke an den Flug machte ihr noch aus einem anderen Grund zu schaffen. Bei Turbulenzen wurde ihr immer fürchterlich schlecht. Ihre Kollegin hatte vorgeschlagen, vorbeugend Dramamin einzunehmen, ein Mittel gegen Reiseübelkeit. Normalerweise nahm Megan keine Medikamente. Sogar bei Kopfschmerzen drückte sie sich um das Aspirin. Allerdings hatte sie bereits genug Sorgen, da wollte sie auf keinen Fall jede Sekunde des Flugs damit verbringen müssen, gegen ihre Übelkeit anzukämpfen. Sie zog eine Flasche Wasser aus ihrer Tasche, nahm zwei Tabletten aus der kleinen Reisepillendose und schluckte sie hinunter. Hoffentlich wirkten sie noch rechtzeitig.

Dann reihte sie sich hinter einem Geschäftsmann ein, der seine letzten spärlichen Haare quer über den Kopf gekämmt trug. Er musste etwa zwanzig Jahre älter sein als sie. Über die Schulter hinweg musterte er sie grinsend von oben bis unten. „Haben Sie schon einmal über Ihre Altersvorsorge nachgedacht?“

Sie zog die Brauen hoch. „Altersvorsorge?“

„Wie alt sind Sie, zweiunddreißig? Vierunddreißig?“

Megan warf ihm einen bösen Blick zu. „Neunundzwanzig.“

Er grinste noch breiter, während sie sich in der Reihe vorwärtsbewegten. „Es ist nie zu früh. Vielleicht können wir das im Flugzeug besprechen, falls wir Sitznachbarn werden.“

So, wie es in letzter Zeit für sie lief, schien ihr das unausweichlich.

Glücklicherweise saß er jedoch in der ersten Reihe und sie auf Platz 3D. Sie schob ihre Handtasche unter den Sitz und sah zum Fenster hinaus. In Gedanken war sie bei dem Moment, als sie und Jay die Flugtickets für ihre Hochzeit in Kansas City gekauft hatten. Er hatte darauf bestanden, dass jeder sein Ticket selbst bezahlte. Der erste Hinweis darauf, dass er ein Arsch war, den sie nicht heiraten sollte. Leider hatte sie ihn damals jedoch ignoriert.

„Darf ich Ihnen etwas bringen, Ms. Vandemeer?“

Megan sah zu der hübschen Stewardess auf, die sie anlächelte. Sie war perfekt, vom blonden Scheitel bis hinunter zu den modischen und trotzdem praktischen Schuhen. Für einen ungeübten Beobachter wirkte ihr Lächeln freundlich, aber Megan hatte achtzehn Jahre unter der Fuchtel ihrer unerträglich perfekten Mutter verbracht – lang genug, um ein unechtes Lächeln zu erkennen, wenn sie eines sah. Und die Erinnerung an ihre Mutter gab ihr fast den Rest. „Äh … einen Mimosa?“

Die Stewardess nickte. „Kommt sofort.“

Andere Passagiere schoben sich an Megan vorbei, und nach einer Weile registrierte sie, dass der einzige freie Platz in der ersten Klasse der neben ihr war. Vielleicht hatte Jay auch vergessen, sein Ticket zu stornieren. Allerdings war das ziemlich unwahrscheinlich. Jay war ein geiziger Snob. Was konnte man von einem Investmentbanker auch anderes erwarten? Seine Vorstellung von einem wilden Abend war eine Umschichtung ihrer Rentenfonds in hochriskante Anlagen. Der gruselige Altersvorsorge-Typ von vorhin war ein Jahr zu spät dran.

Die Stewardess brachte ihren Drink und in dem Versuch, ihre Nerven zu beruhigen, schüttete ihn Megan schneller hinunter als geplant. Gerade, als sie spürte, wie sich ihre Schultern entspannten, zog eine der Stewardessen die Kabinentür zu. Mittendrin hielt sie inne und öffnete sie noch einmal für einen verspäteten Passagier. Er blieb im Mittelgang stehen und sah sich suchend um, bis sein Blick auf den leeren Platz neben ihr fiel.

Megan war nicht die einzige Frau, der er auffiel, obwohl sie ihn nicht so unverhohlen anstarrte wie die anderen. Der Mann war ziemlich groß und musste sich ein wenig bücken, um nicht mit dem Kopf an der Decke anzustoßen. Die blonde Stewardess, die Megans Drink gebracht hatte, warf ihm einen anerkennenden Blick zu, auch wenn ihm das gar nicht auffiel. Megan war sich jedoch sicher, dass ein großer, dunkelhaariger und attraktiver Mann wie er an die Blicke der Frauen gewöhnt war. Jay war es jedenfalls gewesen.

Die Stewardess legte dem Mann sanft ihre Hand auf den Arm und sah aus wimperngetuschten Augen zu ihm auf. Leise sprach sie auf ihn ein und beugte sich zu ihm hinüber, damit er sie verstand. Er wirkte leicht irritiert, zeigte ihr sein Ticket und sie deutete auf den leeren Platz.

Megan hatte jetzt einen Nachbarn.

Er schob seine Tasche in das Gepäckfach über ihr, setzte sich und schnallte sich an. Zweifellos war er eine bessere Wahl als der Finanzmensch, aber womöglich nur geradeso. Er war ungefähr in ihrem Alter und ähnelte Jay ein wenig, obwohl seine dicken, welligen braunen Haare nicht ganz so kurz geschnitten waren wie die ihres Ex. Allerdings hatte er nicht Jays typisch gelassene Seattle-Ausstrahlung. Sein Aussehen machte ihr keine Sorgen. Was ihr jedoch zu denken gab, war der entschlossene Ausdruck in seinen dunkelbraunen Augen und die Art und Weise, wie er den Kiefer zusammenpresste, als ob er sich für etwas Unangenehmes wappnete. Er wirkte, als wolle er um jeden Preis eine Mission beenden.

Sie fühlte sich aufgrund der Mischung von Tabletten und Alkohol schon leicht benebelt, und obendrein stieg jetzt ein Anflug von Angst in ihr auf. „Sind Sie ein Terrorist?“, fragte sie, ehe sie sich davon abhalten konnte.

„Was?“, fragte er und starrte sie entsetzt aus weit aufgerissenen Augen an.

Sie schüttelte den Kopf, wodurch ihr schwindlig wurde. „Tut mir leid. Sie hatten diesen irren Blick …“ Sie wedelte kreisförmig mit der Hand vor ihrem Gesicht herum, um ihre Aussage zu untermauern, ließ sie dann aber schnell in den Schoß fallen. Warum um alles in der Welt hatte sie ihn so etwas gefragt?

Einen Moment später kam die flirtende Stewardess zurück und beugte sich über den Mann, um das leere Glas von Megans Tisch zu nehmen. Immer noch vornübergebeugt drehte sich die Blondine zu ihm um. Ihr Gesicht war nur wenige Zentimeter von seinem entfernt. „Machen Sie sich keine Sorgen, Mr McMillan.“ Sie tätschelte ihm erneut den Arm. „Ich kümmere mich um Sie, sobald ich kann.“

Er öffnete leicht den Mund, ehe er knurrte: „Danke.“

Megan fragte sich, was die Stewardess wohl unter kümmern verstand.

Die Crew begann mit der Sicherheitsdemonstration und Megan lehnte den Kopf gegen den Sitz. Mit den Fingern krallte sie sich in die Armstützen. Wenn dieses Flugzeug landete, würde sie letztendlich tun müssen, wovor sie sich über einen Monat lang gedrückt hatte … aber wie? Wie sollte sie ihrer Mutter gegenübertreten?

„Haben Sie Angst vorm Fliegen?“, fragte der Mann neben ihr. Die Aussicht darauf schien ihn nicht gerade zu begeistern.

„Nein, nur vorm Abstürzen.“ Was genau das beschrieb, was ihr nach der Landung bevorstand.