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Der Springer

von Denise Grover Swank

Übersetzt von: Jeannette Bauroth
Originaltitel: The Player
Erscheinungsdatum: 1. Mai 2016

Die Scheidungsanwältin Blair Hansen ist davon überzeugt, dass Ehen auf Vernunft basieren sollten, nicht auf Leidenschaft. Doch kurz vor ihrer eigenen Hochzeit tauchen immer öfter Erinnerungen an ihren Exfreund von der Universität auf – den einzigen Mann, den sie je geliebt hat. Durch eine Fügung des Schicksals tritt Garrett erneut in ihr Leben und schwebt wie ein dunkler Schatten über ihrer Hochzeit. Plötzlich stellt Blair alles infrage, wodurch auch ihr geliebter Job in Gefahr gerät. Ihr „perfektes“ Leben beginnt zu bröckeln. Ist womöglich alles, was sie über die Liebe glaubt, falsch?

Scheidungsanwalt Garrett Lowry ist auf der Suche nach der Frau fürs Leben. Leider findet er nirgendwo eine Frau, die so gut zu ihm passt wie die, die er einmal geliebt und dann verloren hat. Damals hat er ihr das Herz gebrochen und nach ihrer Trennung die Frauen schneller gewechselt als die Unterhemden – die schlechteste Entscheidung seines Lebens. Durch einen verblüffenden Zufall trifft Garrett jedoch erneut auf Blair. Das Schicksal scheint seine Hand im Spiel zu haben, denn die zufälligen Begegnungen häufen sich. Er hält dies für ein Zeichen, ihrer Liebe eine zweite Chance zu geben. Doch Blair ist mit einem anderen verlobt – einem Mann, der überhaupt nicht zu ihr passt.

Kann Garrett sie davon überzeugen, dass selbst ein Playboy sich ändern kann und dass Happy Ends nicht nur etwas für Träumer sind?

Read an Excerpt

Kapitel 1

Blair Hansen hatte davon gehört, dass Menschen nach Nahtoderfahrungen ihre Prioritäten im Leben überdachten. Obwohl sie seit knapp dreißig Jahren ganz genau wusste, was sie vom Leben erwartete, hatte es nichts weiter als Turbulenzen an Bord einer Boeing 747 gebraucht, um alles infrage zu stellen.

Sie trank einen großzügigen Schluck von ihrem Whiskey. Mädchencocktails waren nichts für sie. Blair hatte sich zum Whiskeytrinken gezwungen, bis er anfing, ihr zu schmecken. Nur durch diese Hartnäckigkeit, aus der sie auch ganz bestimmt kein Geheimnis machte, war sie im Leben so weit gekommen. Und „so weit“ bedeutete momentan eine Hotelbar in Phoenix, Arizona. Blair wartete auf die Rückmeldung, ob es im Hotel noch ein freies Zimmer für sie gab.

Eigentlich hätte sie gar nicht verreisen sollen, schon gar nicht nach Phoenix. In fünf Tagen wollte sie heiraten und ihre Chefs hatten ihr deswegen eine kurze Viertagewoche in der Niederlassung in Kansas City genehmigt, doch am Sonntagnachmittag hatte sie der Seniorpartner nach Los Angeles beordert. Und so war sie ins Flugzeug gestiegen, obwohl sie noch eine Million Dinge für ihre Hochzeit vorzubereiten hatte. Robert Sisco senior ließ keine Entschuldigungen gelten. Bei Sisco, Sisco und Reece war ein „Ja“ die einzig akzeptable Antwort, und am Ende zählten nur die Stellen vor dem Komma auf dem Mandantenscheck. Dass Blair das verstanden hatte, war einer der Gründe, warum sie kurz davor stand, Juniorpartnerin zu werden. Ihre Chefs erwarteten, dass die Hochzeit ihre Arbeit nicht beeinträchtigte. Obwohl sie der Hauptgrund dafür waren, dass Blair überhaupt heiratete. Von Partnern wurde in der Regel erwartet, dass sie verheiratet waren. Vermutlich hatte das etwas mit der Illusion von Stabilität und Reife zu tun. Natürlich war das alles ein Haufen Blödsinn, aber Blair wollte unbedingt Juniorpartnerin werden.

Sie nahm einen weiteren Schluck. Die Eiswürfel klirrten gegen das Glas, weil ihre Hand zitterte.

Das lag daran, dass ihr etwas klar geworden war. Während der fürchterlichen Minuten im Flugzeug war ihr zukünftiges Leben vor ihrem inneren Auge vorbeigezogen, und es hatte ihr ganz und gar nicht gefallen.

Jetzt war sie sich nicht mehr sicher, ob sie überhaupt heiraten wollte.

Nüchtern betrachtet war Dr. Neil Fredrick der perfekte Partner für sie. Er war gebildet, sympathisch und zuverlässig. Ein konservativer Typ in politischen und finanziellen Angelegenheiten. Neil ging immer auf Nummer sicher. Stabilität war genau das, was Blair nach der chaotischen Ehe ihrer Eltern gewollt hatte. Die Affären ihres Vaters, die nachfolgende Scheidung und schließlich der Tod ihres Vaters hatten die Familie finanziell nahezu ruiniert.

Doch in letzter Zeit wollte sie … mehr.

Das war mit Sicherheit Megans Schuld. Megan hatte vor zwei Monaten geheiratet, allerdings nicht den ursprünglich vorgesehenen Bräutigam. Stattdessen hatte sie eine fast märchenhafte Romanze erlebt, die es im echten Leben so eigentlich gar nicht gab. Für Megan war jedoch das Unmögliche möglich geworden. Kurz vor ihrer Hochzeit war sie in ein Flugzeug nach Hause gestiegen, um ihren Eltern zu beichten, dass sie mit ihrem fremdgehenden Ekel von Verlobtem Schluss gemacht hatte. Nach einigen Drinks und einer großen Dosis Dramamine gegen Reiseübelkeit war sie eingeschlafen und von ihrem attraktiven Sitznachbarn aus dem Flugzeug getragen worden, der daraufhin als ihr Ersatzverlobter fungierte. Am Ende der Woche war Josh zu ihrem echten Ehemann geworden, und die beiden waren immer noch fast übelkeiterregend glücklich miteinander.

Würg.

Trotzdem konnte Blair nicht leugnen, dass die stürmische und verrückte Romanze der beiden dem Glauben an ihr perfektes Arrangement einen Dämpfer verpasst hatte, und dieser Dämpfer wuchs sich allmählich zu einer echten Dampfwalze aus. Sie und Neil lebten in getrennten Wohnungen, und obwohl Neil inzwischen mehr Zeit bei ihr verbrachte, bestand er überraschend hartnäckig darauf, auch nach der Hochzeit seine eigene Wohnung zu behalten.

Die Erinnerung an ein vor Monaten geführtes Gespräch spülte über sie hinweg.

„Mein Apartment liegt näher am Krankenhaus, Blair“, hatte Neil ihr sachlich erklärt, während er seinen Morgenkaffee trank. „Das ist einfach praktischer, wenn ich Nachtbereitschaft habe.“

Seinem Argument hatte sie nichts entgegensetzen können. Obwohl sie seine stoische, ruhige Logik von Anfang an als eine seiner attraktivsten Eigenschaften empfunden hatte, kam ihr seine Vernunft in dieser Sache trotzdem … falsch vor. Wenn sie schon ihre Leben vereinigten, warum sollten sie dann getrennte Wohnungen behalten? Und sie wusste, was alle anderen davon halten würden.

„Aber das Geld …“

„Die Hypothek auf meiner Wohnung wird problemlos von meinem Gehalt abgedeckt, und die Gegend wird gerade richtig hip“, hatte er gesagt, den Blick immer noch in die Zeitung gerichtet. „Wenn ich sie noch fünf Jahre behalte, hat sich der Wert bis dahin bestimmt verdoppelt. Deshalb sollte ich die Wohnung keinesfalls jetzt verkaufen, sie ist eine gute finanzielle Investition.“

Damals hatte sie vorschlagen wollen, dass er sie vermieten könnte, denn ihr Zuhause befand sich auch nur zwanzig Minuten vom Krankenhaus entfernt. Dass sie gemeinsam bei ihm einzogen, hatte er bereits abgelehnt. Angeblich handelte es sich bei seinem Loft um eine Junggesellenbude und laut Neil brauchten sie eher eine Wohnung, in die sie auch Freunde und Kollegen einladen konnten. Allerdings war es nicht so, als wären sie beide für ihre Dinnerpartys berühmt.

Wenn sie ihm das unter die Nase gerieben hätte, wäre schlussendlich nur ein Streit gefolgt. Dabei zählte es zu den größten Pluspunkten ihrer Beziehung, dass sie kaum stritten. Ihre Arbeit war anspruchsvoll und mit vielen Auseinandersetzungen verknüpft – wenn sie nach Hause kam, wollte sie Ruhe. Und wenn sie ganz ehrlich war, gefiel ihr das Wohnarrangement irgendwie auch. Seit er sich häufiger in ihrem Apartment aufhielt, erschien ihr seine Gegenwart allmählich geradezu erstickend und das, was sie früher süß an ihm gefunden hatte, zum Beispiel seine gründliche Art, zu kauen, oder dass er die Fernbedienung auf dem Couchtisch immer akkurat ausrichtete, ging ihr inzwischen unglaublich auf die Nerven. Doch das war normal. Als Scheidungsanwältin wusste sie nur zu gut, dass die Ehe keine Achterbahn voller aufregender Momente war.

Im Gegenteil, sie hatte bei ihrer Arbeit eins gelernt: Die Paare, die sich bereits nach einem oder zwei Jahren scheiden ließen, waren meist diejenigen, die völlig verknallt und mit Herzchen in den Augen vor den Altar getreten waren. Auch wenn Megan derzeit in einem berauschten Glückszustand schwebte, so etwas wie wahre Liebe gab es nicht.

Denn sonst wäre Blair immer noch mit Garrett Lowry zusammen.

Sie klapperte mit ihrem inzwischen leeren Glas auf der Bar, um die Aufmerksamkeit des Barkeepers auf sich zu ziehen. „Noch einen, bitte.“

Grinsend schenkte er ihr nach. „Sie scheinen ja einen üblen Montag hinter sich zu haben.“

Blair nahm ihm das Glas aus der Hand. „Sie haben ja keine Ahnung.“

Die Befragung hatte knapp zwei Stunden länger gedauert als geplant und sie hatte in Los Angeles nur mit Mühe noch ihren Flug erwischt. Allerdings hatte ihre Erleichterung nur kurz gewährt, denn während der schweren Turbulenzen war Blair genau wie die anderen Passagiere davon überzeugt gewesen, dass sie gleich ihrem Schöpfer gegenüberstehen würden. Als sie endlich in Phoenix landeten, waren viele der Anschlussflüge entweder gestrichen worden oder hatten Verspätung, sodass Blair über Nacht in Arizona festsaß. Die Fluggesellschaft hatte sie in dieses Hotel geschickt, aber an der Rezeption gab es Probleme.

Bevor sie sich versah, hatte sie ihren Whiskey schon halb ausgetrunken. In Kansas City gab es so viel für sie zu tun, und sie würde frühestens morgen am späten Vormittag wieder dort sein, was bedeutete, dass sie zu ihrer morgendlichen Befragung hetzen musste. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, hatte sie bisher noch keine Bestätigung der Fluggesellschaft für ihren 6-Uhr-Flug. Sie hatten ihr lediglich versprochen, ihr gegen vier Uhr morgens per SMS mitzuteilen, ob sie noch einen Platz bekäme.

Deshalb saß sie jetzt halb betrunken in der Bar des Embassy Suites und spielte eine neue Runde von Das ist dein Leben, Blair Anne Myers Hansen. Was sie sah, gefiel ihr allerdings nicht besonders.

Die pragmatische, vernünftige Blair wünschte sich atemberaubende Liebe mit Schmetterlingen im Bauch.

Offenbar hatten die Turbulenzen ihr ganz schön das Gehirn durchgerüttelt.

Trotzdem ließ sich nicht leugnen, dass sie während der vergangenen zwei Monate ziemlich oft an Garrett gedacht hatte; deutlich häufiger, als es dieser Mistkerl verdiente. Ehrlicherweise musste sie sich eingestehen, dass er der einzige Mann war, den sie je geliebt hatte. Was ihr ja offensichtlich nicht allzu gut bekommen war. Inzwischen konnte sie auch zugeben, dass sie an ihrer Trennung vor fünf Jahren nicht ganz unschuldig gewesen war, doch das änderte nichts.

Ihr Zerwürfnis hatte an dem Abend begonnen, als Blair vom Tod ihres Vaters erfuhr. Zu ihm hatte sie seit Jahren keinen Kontakt mehr gehabt. Als Garrett vorbeikam, hatte sie einen Streit wegen einer Nichtigkeit mit ihm angefangen, statt sich ihm anzuvertrauen. Wut war schon immer ihr primärer Verarbeitungsmechanismus gewesen, und obwohl Garrett bis dahin viele ihrer Ausbrüche geduldig über sich hatte ergehen lassen, war seine Reaktion an diesem Abend ihrem Ausbruch ebenbürtig. Daraufhin war der Streit völlig außer Kontrolle geraten, und bevor sie wusste, was geschah, hatte Garrett seine Sachen in eine Sporttasche gepackt und war gegangen.

Den darauffolgenden Tag hatte Blair in einem Nebel aus Bestürzung, Trauer und Kummer verbracht und hatte sogar die Vorlesungen geschwänzt; zum allerersten Mal in ihrem Leben. Nachdem sie stundenlang vor sich hingebrütet hatte, wurde ihr klar, wie sehr sie Garrett vermisste. Zuvor hatte sie noch nie jemanden tatsächlich gebraucht. Daher entschied sie sich, ihren Stolz hinunterzuschlucken und zu ihm zu gehen, ihn um Verzeihung zu bitten und ihn zu fragen, ob er sie zur Beerdigung ihres Vaters begleiten würde. Nicht in einer Million Jahre hatte sie sich die Überraschung ausgemalt, die sie in seinem Apartment erwartete.

Jody Stewart, die ebenfalls Jura studierte und aus ihrem Interesse für Garrett keinen Hehl machte, öffnete ihr die Tür in billiger Reizwäsche aus dem Supermarkt. Noch dazu in neongrüner.

Blair hatte auf dem Absatz kehrtgemacht und kein Wort mehr mit ihm geredet, nicht mal, als Garrett hinter ihr hergerannt kam. Auch nicht, als er eine Stunde lang an ihre Tür klopfte und flehte, dass sie ihn die Sache erklären ließe. Nicht einmal, als er sie zwei Wochen lang jeden Tag in der Vorlesung ansprach.

Als er im Jahr darauf mit jeder verfügbaren Frau aus der Jurafakultät etwas anfing, und auch mit ein paar nicht wirklich verfügbaren, wusste sie, dass sie sich richtig entschieden hatte.

Garrett Lowry war ein sprunghafter Frauenheld.

Offenbar hatte er bei ihr nur einen kleinen Zwischenstopp eingelegt und nach dem Beziehungsaus keine Zeit verschwendet, sich wieder auf den Markt zu stürzen. Ohne ihn war sie besser dran.

Trotzdem schmerzte die Erinnerung immer noch.

Infolge von Garretts Verrat und dem miesen Lebenswandel ihres Vaters fiel Blair die Entscheidung für ihr juristisches Fachgebiet leicht. Eigentlich sollte sie beiden Männern dankbar sein. Vielleicht würde sie ihrem Vater ein paar Astern aufs Grab stellen, wenn sie aus ihren Flitterwochen zurückkam. Astern hatte er immer gehasst.

Sie bedeutete dem Barkeeper, dass er ihr noch einen Drink bringen sollte, und wünschte sich, das Hotelpersonal würde ihr endlich den verdammten Schlüssel aushändigen, als ihr Blick auf ihn fiel – den Mann im Eingang zur Bar, der sie unverwandt ansah. Blair musste zweimal hinschauen. Vielleicht mischte das Hotel ja Halluzinogene in die Drinks, denn in der Tür stand niemand anders als besagter sprunghafter Frauenheld – Garrett Lowry.

Als der Barkeeper nach ihrem Glas griff, legte sie die Hand auf seinen Arm. „Machen Sie einen Doppelten draus.“