Indie Translations

Der Herzjoker

von Denise Grover Swank

Übersetzt von: Jeannette Bauroth
Originaltitel: The Gambler
Erscheinungsdatum: August 2016

Libby St. Clair glaubt ans Schicksal. Von einer Wahrsagerin wurde ihr und ihren Freundinnen prophezeit, dass ihre Hochzeiten in Katastrophen enden und sie mit einem anderen Mann als dem ursprünglich geplanten ihr Glück finden würden. Tatsächlich sind ihre Freundinnen nach allerlei Verwicklungen inzwischen glücklich mit ihren Traummännern verheiratet. Libby beschließt, der Vorsehung auf die Sprünge zu helfen, und macht ihrem Freund einen Antrag.

Noah McMillan hat sich zeitlebens erfolgreich vor Verantwortung und Bindungen gedrückt. Dass Libby mehr als eine gute Freundin für ihn ist, erkennt er erst, als ihre Heirat mit einem anderen bevorsteht. Wild entschlossen, die Hochzeit zu verhindern, fliegt er nach Kansas City. Als er erfährt, dass Libby vor dem Altar die Flucht ergriffen hat, setzt er alles auf eine Karte.

Er überredet sie zu einer abenteuerlichen Reise nach Las Vegas: für ihn die Chance, der Liebe seines Lebens zu beweisen, dass er der Mann ist, den sie verdient. Doch wer in der Stadt der Spieler alles riskiert, kann das große Los ziehen – oder alles verlieren …

 

Read an Excerpt

Kapitel 1

 

Niemand hatte Libby St. Clair jemals unterstellt, eine pragmatische Frau zu sein. Was ihr absolut egal war. Pragmatische Entscheidungen waren oftmals langweilig, man ging damit auf Nummer sicher. Und dass sie langweilig war, hatte ihr auch noch nie jemand nachgesagt.

Sie war fest davon überzeugt, dass man das Leben voll auskosten sollte.

Und trotzdem würde sie gleich mit einem Mann vor den Traualtar treten, den sie überhaupt nicht heiraten wollte. Ironischerweise ihre erste bewusst pragmatische Entscheidung, auch wenn das außer ihr niemand erkannte. Vor allem nicht ihre beiden besten Freundinnen.

„Libby“, schwärmte Megan. „Du siehst wunderschön aus.“

Blair lächelte sie herzlich an. „Da hat sie recht, Libs. Du bist atemberaubend.“

„Und wir haben es tatsächlich geschafft“, ergänzte Megan und bauschte Libbys Tüllkleid auf. „Nichts ist schiefgegangen.“

Und genau das erschütterte Libbys Glauben an ihren Plan. Warum waren ihre Hochzeitsvorbereitungen so reibungslos verlaufen?

Blair legte Libby eine Hand auf den Arm. „Ich hatte ja so meine Zweifel, als du letzten Monat angerufen und verkündet hast, dass du drei Tage vor deinem dreißigsten Geburtstag Mitch heiraten willst. Ich hab schon befürchtet, das hätte irgendwas mit diesem blöden Hochzeitsfluch zu tun, aber da hab ich mich zum Glück geirrt. Mitch scheint ein toller Mann zu sein.“ Blair verdrehte die Augen. „Auch wenn er es mit dem Footballmotto vielleicht ein bisschen übertrieben hat.“

Libby schenkte ihr ein schwaches Lächeln. „Er ist ein toller Mann.“ Daran gab es keinen Zweifel. In gesellschaftlichen Situationen war Mitch fantastisch. Von all den Freunden, die sie im Lauf der vergangenen Jahre gehabt hatte, war er als Einziger ziemlich verlässlich und obendrein tolerant gegenüber ihren Macken. Er hatte sogar versucht, Verständnis für ihre enge Freundschaft zu Megans Schwager Noah McMillan aufzubringen, ganz im Gegensatz zu Megan und Blair. Das war schließlich etwas wert, oder nicht?

Trotzdem fehlte ihr bei Mitch irgendwas. Anfangs war das gar nicht so ins Gewicht gefallen. Sie hatte sowieso nicht vorgehabt, ihn zu heiraten. Dass die Frau in seinem Leben immer weit abgeschlagen den zweiten Platz hinter seinen sportlichen Aktivitäten einnehmen würde, war ihr ziemlich schnell klar geworden. Aber für Megans Hochzeit hatte sie eine Verabredung gebraucht, und dann für Blairs. Ihre Freundinnen schienen ständig darauf zu warten, dass sie mit ihm Schluss machte. Das hatte sie geärgert und daher war sie mit ihm zusammengeblieben. Anfangs nur, um das Gesicht zu wahren und zu beweisen, dass sie nicht so flatterhaft war, wie alle dachten. Und später, weil sie bei den Hochzeiten ihrer Freundinnen erlebt hatte, dass an der Prophezeiung etwas dran war. Also war sie felsenfest davon überzeugt gewesen, dass sie auch bei ihr zutreffen würde.

Als Kinder hatten die Freundinnen in der Schlange vor dem Zelt einer Hellseherin den Pakt geschlossen, dass sie vor ihrem dreißigsten Geburtstag verheiratet sein würden. Kurz darauf hatte Madame Rowena ihnen erklärt, dass sie ihren Pakt erfüllen würden, doch ihre Hochzeiten würden alle in einem Desaster enden und jede von ihnen würde schließlich einen ganz anderen Bräutigam heiraten als beabsichtigt. Der Fluch. Lediglich Libby hatte ihn ernst genommen, aber Megan und Blair konnten nicht abstreiten, dass sie beide vor ihrem dreißigsten Geburtstag geheiratet hatten, und zwar andere Männer als die, die ihnen ursprünglich den Antrag gemacht hatten. Und die Tage vor ihren jeweiligen Hochzeiten waren definitiv mit einer Katastrophe nach der anderen gefüllt gewesen.

Genau so, wie es die Wahrsagerin vorhergesehen hatte.

„In einer Woche oder zwei laden Garrett und ich euch zum Abendessen ein.“

„Hör dir nur zu, Blair Hansen-Lowry“, sagte Megan schmunzelnd. „Dinnerpartys mit anderen Paaren? Die Ehe tut dir offensichtlich gut.“

Die sonst so hartgesottene Blair wurde rot. „Na ja, jetzt, wo Garrett nach Kansas City gezogen ist und wir unsere eigene Kanzlei eröffnen …“ Das Rot auf ihren Wangen vertiefte sich. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so glücklich sein würde.“ Und dann runzelte sie die Stirn. „Aber wenn ihr das je jemandem erzählt, werde ich alles abstreiten.“

Megan schenkte ihr ein frotzelndes Lächeln, aber sie wusste nur zu gut, dass sie aus dem ungewohnten Sentimentalitätsanfall ihrer Freundin besser keine große Sache machen sollte. „Wahnsinn, oder? Wenn Josh und ich nächsten Monat in unser Haus in Lee’s Summit einziehen, dann können wir alle sechs was zusammen unternehmen. Wie in alten Zeiten.“

Libby musste zugeben, dass Blair seit der Highschool nicht mehr so glücklich gewirkt hatte. Der Fluch hatte ihr Leben zum Besseren verändert, und das von Megan auch.

Was zum Teufel machte sie also falsch? Libby blickte hinab auf ihren ringlosen linken Finger und versuchte sich davon abzuhalten, die Hände zu verschränken. Weil sie nie vorgehabt hatte, mit ihm zum Altar zu schreiten, hatte sie sich geweigert, einen Verlobungsring von Mitch anzunehmen. Um keinen Verdacht zu erregen, hatte sie im Kaufhaus zwei billige Eheringe besorgt, die jetzt in der Tasche des Trauzeugen steckten.

Die Tür wurde geöffnet und Josh McMillan, seit fünf Monaten Megans Ehemann, steckte den Kopf herein. „Hey, Mädels.“

Überrascht sah Megan auf. „Josh, was machst du hier? Warum sitzt du denn nicht auf deinem Platz?“

In Libbys Miene trat ein hoffnungsvoller Ausdruck. Für Mitch, der Sportlehrer und Footballtrainer war, standen das Footballteam Arkansas Razorbacks, seine Highschoolmannschaft und die Schule an erster Stelle; Angelegenheiten, die nichts mit Sport zu tun hatten, vergaß er gerne mal. Damit die Vorbereitungen dennoch reibungslos abliefen, hatte Libby ihm Josh zur Seite gestellt. Vielleicht brachte er jetzt die Nachricht, auf die sie gewartet hatte. Josh kam ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich.

„Libs, ich hab schlechte Neuigkeiten.“

„Ist Mitch etwa nicht aufgetaucht?“ Sie bemühte sich, nicht allzu begeistert zu klingen.

Entsetzt schüttelte er den Kopf. „Was? Nein. Mitch ist drüben im Büro der Kirche und schaut sich ein Footballspiel an.“

War ja klar. „Und was ist dann die schlechte Nachricht?“

Er verzog das Gesicht. „Du fragst dich bestimmt, warum es noch nicht losgegangen ist …“

„Du meinst, es liegt nicht daran, dass Mitch sehen will, wie das Spiel ausgeht?“, fragte Libby.

„Nicht nur.“ Er wirkte besorgt. „Einer seiner Trauzeugen ist noch nicht eingetroffen.“

Es gab lediglich zwei Trauzeugen für den Bräutigam, und den einen, Mitchs Cousin, hatte sie erst ein paar Stunden zuvor gesehen. Damit blieb nur einer übrig. Joshs Bruder. „Hat Noahs Flieger Verspätung?“

„Nicht direkt.“

Sie wartete darauf, dass er fortfuhr, und versuchte, sich nicht aufzuregen, bevor sie alle Informationen besaß.

„Er kommt nicht.“

Alles Blut wich ihr aus dem Gesicht. „Was? Warum denn nicht?“

„Das weiß ich nicht. Er hat irgendetwas davon gesagt, dass Donna ihn dieses Wochenende braucht.“

Seine Freundin, mit der er erst seit vier Wochen zusammen war?

Libby und Noah hatten sich im Juni im Vorfeld von Megans und Joshs chaotischer Hochzeit sofort angefreundet und dafür gesorgt, dass die Eheschließung der beiden rechtskräftig wurde. Im Verlauf der folgenden Monate war ihre Freundschaft immer mehr gewachsen. Irgendwann war Noah zu ihrem engsten Vertrauten geworden und hatte damit sogar den Platz von Megan und Blair eingenommen.

Noah galt als Weiberheld und Libby als flatterhaft. Ihre Freundschaft hatte ihre Bekannten völlig überrascht. Sie war untypisch für beide, aber vielleicht funktionierte sie genau deshalb so gut. Dass Noah eine Rolle bei der Trauungszeremonie spielen sollte, war für sie die logische Konsequenz gewesen. Und Mitch hatte es nichts ausgemacht.

Warum hatte Noah sich plötzlich anders entschieden? Nur aus einer Laune heraus?

Was zum Teufel sollte das?

Josh warf ihr einen mitfühlenden Blick zu. „Es tut mir leid, Libby. Ich hab dich gewarnt, dass er womöglich … unzuverlässig ist.“

Das stimmte. Doch diese Seite hatte Libby an Noah nie kennengelernt. Sie hatte geglaubt, ihre Freundschaft hätte ihn verändert. Bei ihr war das definitiv der Fall.

Libby stützte die Hände in die Taille und funkelte den unschuldigen McMillan-Bruder böse an. „Hab ich das richtig verstanden? Er hat zugestimmt, an meiner Trauung teilzunehmen, aber dann taucht er nicht auf, weil seine neue Freundin, die er gerade mal seit vier Wochen kennt, ihn für irgendwas braucht?“

Als Zeichen der Solidarität ging Megan hinüber zu ihrem Mann und legte ihm eine Hand auf den Arm. „Josh hat mir zwar Geschichten von solchen Totalausfällen mit Noah erzählt, aber seit ich ihn kenne, ist so was nicht vorgekommen. Und bei der Fusion von Dads Firma mit der von Josh und Noah hat er sich stark engagiert … Josh hat wirklich geglaubt, er hätte sich geändert.“

Libby wischte sich eine Träne von der Wange. Auch wenn diese Hochzeit nur Theater war, Noah hätte für sie da sein sollen. Dass ihr seine Abwesenheit so viel ausmachte, überraschte sie.

Aber was machte es schon, wenn ein Trauzeuge fehlte? Die Hochzeit würde sowieso nicht stattfinden. Schließlich konnte der Fluch keinesfalls nur Megan und Blair treffen und an ihr vorbeigehen. Jeden Moment würde ihr strahlender Ritter in schimmernder Rüstung auftauchen, ihre wahre Liebe, ihr Seelenverwandter, und ihr Herz im Sturm erobern und sie noch vor ihrem Geburtstag am Dienstag heiraten.

Dummerweise hatte sie bisher nicht die geringste Ahnung, wer das sein sollte. Sie wusste lediglich, was ihr die Linien auf ihrer Hand verraten hatten – dass er kreativ war und sie mit der Liebe überschütten würde, nach der sie sich schon ihr ganzes Leben lang sehnte.

Kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn. Was, wenn ihr Plan nicht funktionierte?

„Was willst du jetzt tun?“, fragte Blair angespannt. Sie hatte Noah noch nie wirklich leiden können, und diese Aktion würde ihm erst recht keine Pluspunkte bei ihr einbringen.

Einhundert Menschen saßen in der Kirche und warteten darauf, dass Libby zum Altar schritt.

Was zum Teufel sollte sie jetzt machen?

Vertrauen. Libby brauchte lediglich mehr Vertrauen. Davon hatte sie mehr als genug gehabt, als Megans und Blairs Hochzeiten im Chaos zu versinken drohten. Die beiden schienen nicht zu verstehen, was passierte, daher hatte Libby genügend Zuversicht für alle drei aufbringen müssen, dass die Katastrophen sich zum Guten wenden würden.

Sie schenkte allen ein strahlendes Lächeln. „Wir machen natürlich weiter wie geplant.“

„Und wer soll den fehlenden Trauzeugen ersetzen?“, fragte Megan.

Libby zuckte mit den Schultern. Ihre Freunde sollten nicht sehen, wie bekümmert sie über Noahs Abwesenheit war. „Josh kann für ihn einspringen.“ Sie warf ihm einen durchdringenden Blick zu. Enttäuschung schlich sich in ihre Stimme. „Hast du nicht sowieso den Großteil deines Lebens damit verbracht, hinter ihm aufzuräumen? Dann kommt es auf einmal mehr oder weniger auch nicht mehr an.“

„Oh Libby.“ Megan umarmte ihre Freundin. „Es tut mir so leid.“

Libby machte sich los. „Ist schon gut. Ich hätte es wissen sollen. Allerdings hab ich geglaubt, über so was wäre er längst hinaus.“

„Wie wir alle.“

„Heißt das, du bist so weit?“, fragte Blair und streckte Libby ihren Wildblumenstrauß entgegen.

„Sieht so aus.“

Die Antwort entlockte ihren Freunden besorgte Blicke, aber Libby bemerkte es nicht, weil sie angestrengt darüber grübelte, was sie tun sollte, falls der Fluch sie doch nicht traf.

Nein. Nein. Nein. Das darfst du nicht mal denken.

Libby griff nach dem Strauß und holte tief Luft. Als sie den Atem ausstieß, überkam sie eine tiefe Gelassenheit. Es würde funktionieren.

Das musste es.

Megan gab Josh einen Kuss und strich ihm liebevoll übers Revers. Auch wenn Blair und Libby es nie zugegeben hätten, beide hatten das Paar um seine enge Verbundenheit beneidet. Inzwischen hatte Blair jedoch die gleiche tiefe Liebe und Zufriedenheit bei Garrett gefunden. Wo also blieb Libbys Seelenverwandter?

Josh ging, um den Bräutigam und den anderen Trauzeugen zu holen. Die Frauen wollten noch warten, bis die Männer sich am Altar aufgestellt hatten. Plötzlich flog die Tür erneut auf, aber diesmal mit mehr Wucht. Libbys Mutter stolzierte herein. „Sie warten auf dich, meine Prinzessin.“

Libby ärgerte sich über diesen theatralischen Auftritt, doch sofort verspürte sie einen Anflug von Schuldgefühl. Sie betrachtete ihre Mutter. Gabriella St. Clair war eine atemberaubend schöne Frau. Ihre dunkelbraunen Haare waren dick und lang, und mit ihrem makellosen olivfarbenen Teint und der faltenlosen Haut wirkte sie deutlich jünger als fast fünfzig, obwohl sie ihr Alter niemals zugegeben hätte. Libby hatte nicht die geringste Ahnung, wie alt ihre Mutter tatsächlich war, da sie aus ihrem Geburtsjahr ein großes Geheimnis machte. Und es war auch nicht wichtig. Gabriella St. Clairs Gesicht und Körper trotzten der Zeit, und sie und Libby wurden oft für Schwestern gehalten.

Und genau das war das Problem. Gabriella ließ andere lieber in dem Glauben, sie sei Libbys Schwester statt ihre Mutter, und setzte alles daran, immer im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Sogar jetzt. Sie trug ein eng anliegendes und obendrein weißes Kleid mit tiefem V-Ausschnitt, das ihr pralles Dekolleté betonte. Gabriella St. Clair ließ sich nicht in den Hintergrund drängen.

Mit affektierter Geste nahm sie Libbys Hand. „Du bist mit Abstand die hübscheste Braut, die ich je gesehen habe.“

„Danke, Momma“, brachte Libby zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.

„Aber ich bin immer noch nicht davon überzeugt, dass der Junge da draußen der Richtige für dich ist.“

Das gehörte zu den wenigen Dingen, bei denen sich die St.-Clair-Frauen einig waren. Allerdings war Gabriella der Meinung, Libby sollte überhaupt nicht heiraten.

„Danke, dass du dir Sorgen um mich machst, Momma.“

Ihre Mutter tätschelte ihr die Wange. „Kann ich dir die Sache vielleicht noch ausreden?“

Libby lachte auf. Hätte ihr Blair oder Megan gesagt, dass diese Hochzeit eine verrückte Idee war, hätte sie wohl sofort einen Rückzieher gemacht. Bei ihrer Mutter lag die Sache jedoch völlig anders. „Ich hab mich entschieden.“

„Nun ja, nichts ist für die Ewigkeit, Schätzchen.“ Gabriella warf Blair einen bedeutungsvollen Blick zu. „Und du hast ja bereits eine Scheidungsanwältin in der Hinterhand.“

Blair fiel die Kinnlade herunter, doch Gabriella war bereits aus dem Zimmer gerauscht.

Empört stützte Blair die Hände in die Hüften. „Die Frau ist doch nicht zu fassen!“

Libby schüttelte den Kopf. Allmählich wurde sie nervös. „Meine Mutter halt. Ich hab nichts anderes von ihr erwartet.“ Sie holte tief Luft. „Dann wollen wir mal.“

Megan machte einen Schritt auf sie zu. „Vielleicht solltest du dir noch einen Moment Zeit nehmen.“

„Es ist mir egal, was sie denkt. Schon bevor ich sie damals mit meinem ersten Freund beim Poppen auf dem Küchentisch erwischt habe, wussten wir, was für eine ichbezogene Frau sie ist. Warum hätte sich daran während der letzten fünfzehn Jahre etwas ändern sollen?“

„Oh, Libs …“, sagte Megan leise.

Ihr Mitgefühl war beinahe zu viel für Libby. „Vergessen wir meine Mutter. Da gibt es deutlich größere Probleme. Und jetzt hab ich ein Date mit dem Schicksal.“

Ihre Freundinnen sahen sie verwirrt an, doch Libby schob alle zur Tür und gab ihnen keine Zeit für eine Antwort.

In der Eingangshalle der Kirche warteten sie auf das Einsetzen der Musik. Blair ging zuerst los, gefolgt von Megan. Kurz darauf wurde das Lied gespielt, das sich Mitch für ihren Gang zum Altar gewünscht hatte – das Kampflied der Razorbacks. Sie hatte jedem seiner Vorschläge zugestimmt. Nicht im Traum hätte sie gedacht, dass es überhaupt so weit kommen würde.

Libby warf einen besorgten Blick zum Haupteingang der Kirche und fragte sich, wo zum Teufel ihr Seelenverwandter blieb. Nach etwa zwanzig Sekunden Wartezeit, die ausreichten, damit die Gäste in der Kirche verwirrt zu flüstern begannen, erkannte Libby, dass er nicht durch die Tür gestürmt kommen würde.

Was bedeutete, er befand sich bereits in der Kirche.

Erleichterung überkam sie, und hoffnungsvoll schritt sie den Mittelgang entlang. Mit Blicken suchte sie die Menge nach ihrem Prinz Charming ab, aber der einzige mögliche Kandidat schien Mitchs Onkel Earl zu sein – ein zweiundvierzigjähriger Junggeselle und Fischgroßhändler aus Louisiana. Er hatte gut und gerne dreißig Kilo Übergewicht, und während des Probeessens am Vorabend hatten Libby und ihre Freundinnen entdeckt, dass er ein Toupet trug. Als er ihren Blick auffing, grinste er anzüglich. Dann leckte er sich über die Lippen, als hätte er gerade einen besonders saftigen Fisch entdeckt.

Da würde sie lieber Mitch heiraten.

Der war gar nicht so übel. Ihre Freunde mochten ihn. Und wenn sie lernen konnte, über seinen Footballfanatismus hinwegzusehen, war er wirklich nett. Gut, Libby hatte ihr Bestes getan, um Blair davon abzuhalten, einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebte. Doch es stand außer Frage, dass Mitch einen deutlich besseren Partner abgeben würde, als Neil je gewesen wäre. Trotzdem konnte sie sich nicht einreden, dass sie Hals über Kopf in ihn verliebt war. Nachdem sie ihre Verlobung verkündet hatte, hatten Blair und Megan ihr unzählige Fragen gestellt. Offenbar hatte sie die Rolle der strahlenden Braut sehr überzeugend gespielt, denn beide schienen davon überzeugt, dass Libby diese Hochzeit wollte. Wenn sie die Trauung jedoch durchzog, war sie bis an ihr Lebensende an Mitch gebunden. Auch wenn Libby die beste Scheidungsanwältin der Welt kannte, käme eine Scheidung für sie niemals infrage.

Im Gegensatz zu ihrer Mutter glaubte Libby daran, dass eine Ehe für immer geschlossen wurde.

Was tat sie also hier?

Vielleicht war ihr Ritter verhindert. Womöglich stand er im Stau. Libby beschloss, einfach weiterzumachen und darauf zu vertrauen, dass alles gut werden würde.

Aber als sie die beiden Stufen zum Altar hochschritt, machte sich Panik in ihr breit. Vertrauen, wiederholte sie in Gedanken. Hab einfach Vertrauen.

Mitch trug einen schwarzen Smoking und die Krawatte der Universität von Arkansas. Er zog ein Hosenbein hoch und enthüllte seine Razorback-Socken. „Na?“ Grinsend ließ er den Stoff wieder sinken. „Du wirst die perfekte Ehefrau sein, Libby“, flüsterte er. „Welche andere Braut würde ihren Bräutigam vor der Trauung erst ein Footballspiel fertig schauen lassen?“ Zwinkernd stieß er sie mit dem Ellbogen an. „Wir haben gewonnen! Dreiundzwanzig zu einundzwanzig. Go Hogs!“, rief er und ließ ein schwungvolles „Hipp, hipp, hurra!“ folgen, in das seine Freunde in den Bankreihen kräftig einstimmten.

Megan und Blair rissen entsetzt die Augen auf.

Sie hatten gerade zum ersten Mal den wahren Mitch erlebt.

Libbys Nervosität kehrte mit voller Wucht zurück.

Warum konnten Megan und Blair denn nicht zwischen den Zeilen lesen und erkennen, dass sie ihn nicht liebte? Libby hatte die Anzeichen doch schließlich auch bei beiden vor deren Hochzeiten erkannt. Waren sie so wild darauf, sie unter die Haube zu bringen, dass sie einfach jeden Bräutigam akzeptierten?

Dass sie eigentlich Mitch den Heiratsantrag gemacht hatte, würde sie bequemerweise ignorieren. Es war ihr lahmer Versuch gewesen, den Fluch heraufzubeschwören.

Gedankenversunken hörte sie den Pfarrer fragen: „Mitch, würden Sie bitte Ihr Treuegelübde vorlesen?“

Oh, Shit. Sie waren schon bei den Treuegelübden angelangt?

Sich räuspernd griff Mitch in die Tasche und zog ein Stück Papier heraus. Er faltete es sorgfältig auf und hielt es hoch, damit es alle sehen konnten.

Oh mein Gott. Es ist eine Spielaufstellung.

Und tatsächlich war das Blatt über und über mit Kreisen und Kreuzen, großen, schwungvollen Linien und Pfeilen bedeckt. „Libs, du und ich, das ist wie damals, als die Razorbacks bei der Cotton Bowl 2012 gegen Kansas gespielt haben. Die Razorbacks hatten die Jayhawks seit 1967 nicht mehr geschlagen. Doch dann haben sie diesen Spielzug mit ihrem Quarterback eingesetzt.“ Er hielt sich den Zettel vor die Brust und deutete darauf. „Und weißt du, was passiert ist?“

Geschockt starrte sie ihn an. Was ging hier vor?

„Sie haben es den Jayhawks gezeigt und wurden die Cotton-Bowl-Champions!“

Mitch und seine Freunde brachen erneut in Siegesjubel aus.

Wenn es möglich gewesen wäre, aus Scham zu sterben, hätte Libby schon längst am Boden gelegen.

„So ist es auch bei uns, Baby. Du und ich. Wir zeigen es allen und führen unser Team zum Sieg. Du, ich und all unsere kleinen Halfbacks.“ Als sie nicht antwortete, missverstand er ihr Entsetzen als Verwirrung. „Du weißt schon. Unsere Kinder“, fügte er augenzwinkernd hinzu.

Seine Freunde grölten erneut den Hogs-Jubelruf.

Der Pfarrer schnappte ein paarmal nach Luft. „Äh … Libby, lesen Sie uns bitte Ihr Treuegelübde vor?“

Oh Gott. Das hier ging weit über kalte Füße hinaus. Das grenzte schon an Wahnsinn.

„Nein.“

Erstaunt ließ Mitch sein Blatt sinken.

„Nein?“, hakte der Pfarrer nach. „Möchten Sie mir lieber den traditionellen Treueschwur nachsprechen?“

Libby sah hinüber zu Megan und Blair, die wie erstarrt dastanden, und wandte sich dann an den Pfarrer. „Nein.“

Mitch blinzelte. „Was hat denn mein kleiner Runningback? Hast du dein Treuegelübde vergessen?“

Runningbackrun heißtlauf” … Wenn sie nicht sofort hier verschwand, würde sie durchdrehen. „Es tut mir leid, Mitch. Ich kann das nicht.“ Sie raffte mit der einen Hand ihren Rock und rannte den Mittelgang entlang zur Tür.

„Libs?“, rief Mitch ihr hinterher. „Wird das ein Pass?“

Sie warf einen Blick über die Schulter hinweg und ignorierte die entsetzten Gesichter der Gäste. „Ja, ich passe.“ Mit diesen Worten rannte sie nach draußen, Megan und Blair folgten ihr dicht auf den Fersen.

Oh Gott. Libby kämpfte gegen die aufsteigende Übelkeit an. Der Fluch hatte sich nicht erfüllt und sie hatte gerade ihre Hochzeit selbst in den Sand gesetzt.

„Libby!“, rief Megan ihr hinterher, doch Libby steuerte schnurstracks auf den Parkplatz zu.

Inzwischen strömten die ersten Gäste durch die große Doppeltür, allen voran Mitch.

„Libby? Wo willst du hin?“, rief er.

Was sollte sie jetzt tun? Ihre Handtasche lag noch in der Kirche. Mit dem Autoschlüssel. Und genau genommen hatte ihre Mutter sie zur Kirche gefahren. Es gab kein Versteck. Libby fühlte sich unglaublich bloßgestellt und wie eine Ratte in der Falle, nur ohne das tröstende Stück Käse. Es gab keinen perfekten Seelenverwandten, der auf sie wartete. Nur noch mehr Peinlichkeiten.

Als ein Auto auf den Parkplatz einbog, überlegte sie nicht lange und stürzte geradewegs darauf zu. Der Fahrer war vermutlich entgeistert über das sich ihm bietende Spektakel, denn er fuhr langsamer. Das war Libbys Chance. Sie riss die Beifahrertür auf und sah hinunter auf den Brautstrauß in ihrer Hand. Ohne darüber nachzudenken, warf sie ihn in Richtung der Hochzeitsgäste, die sich auf dem Rasen vor der Kirche versammelt hatten.

Die Augen von Megans Großmutter leuchteten auf. „Der gehört mir!“ Sie sprang hoch, doch gleichzeitig griff auch eine von Libbys Collegefreundinnen danach.

Gram warf die jüngere Frau zu Boden und lieferte sich einen Ringkampf mit ihr.

Den Blick immer noch auf das Chaos gerichtet, sprang Libby ins Auto. „Ich gebe Ihnen einhundert Dollar, wenn Sie mich sofort hier wegbringen.“

Inzwischen stand etwa die Hälfte der Gäste auf dem Rasen. Mitch wirkte benommen und verwirrt.

Was hatte sie bloß getan? Sie war sich so sicher gewesen, dass sie den Fluch nur herausfordern müsse, um dem Mann ihrer Träume zu begegnen. Deshalb hatte sie die leise warnende Stimme in ihrem Kopf geflissentlich ignoriert. Sie hatte Mitch auf herzlose Art und Weise missbraucht. Und der Beweis ihres Egoismus sah ihr nun geradewegs in die Augen.

„Nur hundert?“, fragte eine amüsiert klingende Stimme. „Mein Flugticket hat mehr gekostet.“

Erleichtert schnappte Libby nach Luft, als sie die Stimme des Fahrers erkannte. Aber dann fiel ihr ein, dass er sie versetzt hatte.

Noah McMillan war so gut wie tot.