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Tod im Tümpel

von Jana DeLeon

Übersetzt von: Jeannette Bauroth
Originaltitel: Swamp Sniper
Erscheinungsdatum: 15. Januar 2016

In den zwei Wochen, seit denen die CIA-Attentäterin Fortune Redding in Sinful, Louisiana wohnt, wurde sie gemobbt, vergiftet und beschossen – und das war erst der Anfang. Jetzt steht sie jedoch vor der größten Herausforderung seit ihrer Ankunft in der winzigen Bayou-Stadt. Als der Bürgermeisterkandidat Ted Williams ermordet aufgefunden wird, sind alle schockiert. Ted war ein Schaumschläger und ein Yankee, aber das waren bisher keine ausreichenden Gründe für Mord. Als die Vorsitzende der Sinful Ladies Society, Ida Belle, zur Hauptverdächtigen wird, muss Fortune einen Mord aufklären und eine ihrer beiden einzigen Freundinnen retten. Bei den Ermittlungen kommen jedoch immer mehr Geheimnisse an die Oberfläche, und Fortune erkennt, dass die Dinge nicht immer sind, was sie zu sein scheinen.

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Kapitel 1

„Fortune.“ Es klang, als wäre Gertie meilenweit von mir entfernt, dabei stand sie direkt neben mir.
Gerade als ich mich umwandte und versuchte, ihr die Worte von den Lippen abzulesen, drehte jemand auf der improvisierten Bühne mitten auf der Hauptstraße das Mikro auf. Das schrille Geräusch brachte meine Ohren zum Klingeln.
Wenn mir jemand erzählt hätte, dass es in Sinful, Louisiana, so viele Einwohner gab, hätte ich ihn für einen Lügner gehalten. Seit zwei Wochen lebte ich nun in der winzigen Bayou-Stadt, doch im Gemischtwarenladen und in Francines Café waren mir bisher höchstens eine Handvoll Menschen begegnet. Zwar kannte ich eigentlich auch nur einen kleinen Stadtteil mit perfekt gepflegten Häusern und Vorgärten, aber offensichtlich versteckten sich im Sumpf Familien, von deren Existenz ich bisher keine Ahnung gehabt hatte.
Man konnte im Moment kaum einen Schritt machen, ohne mit jemandem zusammenzustoßen, und für einen introvertierten Menschen wie mich, der daran gewöhnt war, in völliger Stille und allein zu arbeiten, stellte sich das als eine große Herausforderung dar. Ich war mir noch nicht sicher, ob ich wirklich genug Geduld besaß, um diesen Trubel den ganzen Tag mitzumachen; vermutlich nicht.
Gerties Mund bewegte sich, doch das kreischende Mikro erstickte jede Chance auf Verständigung im Keim. Kopfschüttelnd deutete ich auf meine Ohren. Seufzend hielt sie mir einen Karton mit Werbegeschenken hin und zeigte auf die Menschenmenge, was vermutlich hieß, dass ich das Zeug an wildfremde Personen verteilen sollte. Als ich auf den Inhalt hinabsah, schossen meine Augenbrauen in die Höhe. In diesem Moment wurde das Mikro abgeschaltet und ich nutzte die momentane Stille, um etwas zu sagen.
„Haltet ihr es für eine gute Idee, den Hustensaft der SLS als Werbegeschenk zu verteilen?“, fragte ich. Die Fläschchen waren zwar nur klein, ungefähr wie die Getränkeflaschen im Flugzeug, aber das Zeug war selbst in kleinen Dosen stark.
Gertie wirkte verwirrt. „Natürlich. Warum denn nicht?“
Offensichtlich war es für Gertie so selbstverständlich, dass jeder wusste, dass sich hinter dem Decknamen „Hustensaft“ der Schwarzgebrannte der Sinful Ladies Society verbarg, dass sie das Ganze nicht länger für ein Problem hielt.
„Und was ist, wenn jemand nicht Bescheid weiß und den Hustensaft seinem Kind verabreicht?“, fragte ich und deutete auf eine Gruppe kreischender Rotzgören, die durch die Menge rannten und mit Wasserpistolen spritzten.
Ein Wasserstrahl traf Gertie mitten auf die Stirn. „Ich kann keinen Nachteil bei der Sache entdecken.“
Ich dachte einen Moment lang darüber nach, aber mir fiel kein Gegenargument ein. Wenn man mich wegen Beihilfe zur Straffälligkeit eines Minderjährigen anklagte, garantierte mir das mindestens eine Nacht im Gefängnis … im sehr stillen, sehr leeren Gefängnis.
Ich begann meinen Marsch durch die Menge und suchte mir die Leute sorgfältig aus, an die ich meinen Hustensaft verteilte. Wenn ein Kind „Mom“ schrie und eine Frau antwortete, bekam sie von mir ein Fläschchen. Sah eine Frau gehetzt und orientierungslos aus, ging ich davon aus, dass sie Kinder hatte, und auch sie bekam eine Flasche. Zwei steckte ich mir selbst in die Tasche. Wenn dieses Fiasko endlich vorüber war, würde ich sie brauchen.
„Wählt Ida Belle zur Bürgermeisterin“, sagte ich, während ich meine Gaben verteilte.
Jede Frau, der ich eine Flasche reichte, gab mir dieselbe Antwort: „Auf jeden Fall.“
Als nur noch eine Flasche übrig war, entsorgte ich den Karton in einem Mülleimer und kletterte auf einen Picknicktisch, um nach Gertie Ausschau zu halten.
„Wie ich sehe, stecken Sie Ihre Nase immer noch in Dinge, die Sie nichts angehen.“
Beim Klang der Stimme hinter mir zuckte ich zusammen, was mich ärgerte. Doch ich erinnerte mich daran, dass ich mich auf einem lauten Festival befand und deshalb nicht allzu streng mit mir sein sollte, weil ich ihn nicht kommen gehört hatte. Ich drehte mich um und sprang vom Tisch, genau vor die Füße von Deputy Carter LeBlanc.
„Das hier ist eine Kleinstadtwahl“, sagte ich. „Wie schlimm kann das schon werden?“
Er verzog das Gesicht. „Wenn Ida Belle dabei ist … Da fragen Sie noch?“
Ich schüttelte den Kopf. „Ida Belle macht keine Schwierigkeiten. Im Gegenteil, ich hab den Eindruck, dass sie eine Menge Probleme in dieser Stadt löst, einschließlich ein paar von Ihren.“
Er runzelte die Stirn – da hatte ich einen wunden Punkt berührt. Ida Belle und ihre Gefolgschaft, ich eingeschlossen, hatten in letzter Zeit mehr als einen Kriminalfall aufgeklärt und Carter hatte dafür heftige Kritik einstecken müssen. Weil er deshalb immer noch ein wenig beleidigt und genervt war, konnte ich nicht widerstehen, ein bisschen in der Wunde herumzustochern, wenn sich die Gelegenheit bot.
„Ist Ihnen schon mal in den Sinn gekommen, dass Sie lediglich in Gerties Haus gestrickt oder Ida Belles geliebte Corvette gewachst hätten, wenn Sie sich aus meinen Ermittlungen rausgehalten hätten? Stattdessen hätte nicht viel gefehlt, und Sie hätten alle drei Ihren Wohnsitz dauerhaft auf den Friedhof verlegt.“
„Wollen Sie damit andeuten, dass das alles Ida Belles Schuld war?“
„Ich sage nur, dass man auch Schwierigkeiten findet, wenn man lange genug danach sucht.“
Da hatte er nicht völlig unrecht und ich verstand, dass er sich vermutlich von Ida Belle in den Schatten gestellt fühlte. Ohne unsere Einmischung hätte er wahrscheinlich die Fälle gelöst, und kein Unschuldiger hätte sterben oder ins Gefängnis gehen müssen. Ida Belle und Gertie hatten die Ermittlungen jedoch lieber selbst in die Hand nehmen wollen, um kein Risiko einzugehen, und leider Gottes hatte ich zugelassen, dass sie mich in ihre Eskapaden mit hineinzogen.
„Ich hätte mir denken können, dass ich dich dabei erwische, wie du die heißeste Frau der Stadt anbaggerst.“
Ich drehte mich zu der Stimme um und sah einen attraktiven, muskulösen Mann über die Straße auf uns zukommen. Er musterte mich von oben bis unten.
Mitte dreißig, ein Meter zweiundneunzig, einundneunzig Kilo, das meiste davon Muskelmasse. Sieht aus, als würde er aus seinen Kämpfen häufig als Sieger hervorgehen. Mittlere Gefahrenkategorie.
Der Mann baute sich unmittelbar vor Carter auf und grinste, als hätte er gerade den weltbesten Witz gehört. Carter wirkte nicht ganz so enthusiastisch. Ich spürte regelrecht, wie die Testosteronwerte um einhundert Prozent in die Höhe schossen.
„Wie geht es dir, Bobby?“, fragte Carter und streckte die Hand aus.
Bobby schüttelte sie und deutete mit dem Kopf auf mich. „Offensichtlich nicht halb so gut wie dir.“
Carter seufzte. „Ich bin im Dienst. Meine Unterhaltung mit Miss Morrow drehte sich um eine Polizeiangelegenheit.“
Bobby sah zu mir herüber und zog die Brauen hoch. „Willst du sie etwa verhaften? Weswegen denn? Kriminell gutem Aussehen?“
Angesichts der Tatsache, dass mein „kriminell gutes“ Aussehen aus Shorts, einem ärmellosen Top, Turnschuhen, Lippenbalsam und einer Pferdeschwanzfrisur bestand, war ich von Bobbys Aufrichtigkeit nicht völlig überzeugt. Doch obwohl ich seinen plumpen Anmachversuch als eher lächerlich empfand, war Carters offensichtliches Missfallen zu gut, um ihn nicht auszunutzen.
„Sehen Sie?“, wandte ich mich an Carter. „Endlich weiß jemand zu schätzen, was ich dieser Stadt zu bieten habe.“
„Darling“, schnurrte Bobby. „Wenn Sie sich mal wieder nicht richtig geschätzt fühlen, dann rufen Sie mich an. Ich zeige Carters Freundinnen gern, was sie verpassen. Bobby Morel. Jeder kann Ihnen sagen, wo Sie mich finden.“ Er zwinkerte mir zu und ging, wobei er Carter über die Schulter hinweg zuwinkte.
Ich sah ihm nach und drehte mich dann lächelnd zu Carter um. „Vermutlich wollen Sie mir jetzt weismachen, dass Bobby auch nur Schwierigkeiten bedeutet?“
Carter riss den Blick von Bobbys Rücken los. „Nein, das kann man so nicht sagen. Ich meine, er kann sehr hitzköpfig sein und ich glaube nicht, dass er nach der Schule jemals wieder ein Buch in die Hand genommen hat, aber er ist kein schlechter Kerl. Bis letzte Woche war er bei einer Spezialeinheit der Army. Seine Mom hat mir schon erzählt, dass er nach seiner Entlassung herkommen wollte.“
Spezialeinheit? Ich setzte seine Gefahrenkategorie eine Stufe hinauf.
„Für Ex-Soldaten wie Sie beide kann es in Sinful doch nicht besonders viele Jobs geben“, sagte ich. „Es sei denn, Sie glauben, er ist hinter Ihrem Posten her.“
Carter lachte. „Auf keinen Fall. Schon in der Schule hat Bobby die Tage gezählt, bis er dieser Stadt den Rücken kehren konnte. Vermutlich wird er nur so lange hierbleiben, bis er sich darüber klar geworden ist, was er tun will, und dann in eine Stadt verschwinden, wo mehr los ist. Er hat immer behauptet, in Sinful passiert nie etwas.“
„Dann hätte er mal während der letzten Wochen hier sein sollen.“
„Hmmm.“ Carter wirkte einen Moment lang nachdenklich, konzentrierte sich dann jedoch wieder auf mich. „Wenn man den Mädchen damals auf der Highschool glauben darf, dann weiß er, wie man mit Frauen umgeht. An Ihrer Stelle würde ich mich jedoch nicht allzu sehr an ihn hängen. Ich gehe stark davon aus, dass er nur auf der Durchreise ist.“
„Sehe ich wie ein ‚Mädchen‘ aus, das sich an jemanden hängt?“
„Nein. Was Sie nur noch faszinierender macht.“ Er grinste mich an und ging auf die andere Straßenseite, wo ein paar Kinder einen Laternenmast hochkletterten.
Ich spürte, wie ich rot wurde, und ging rasch in die entgegengesetzte Richtung davon. Zum Glück hatte Carter meine mädchenhafte Reaktion nicht mehr mitbekommen. Das hätte er mir ewig unter die Nase gerieben.
Obwohl ich es nur äußerst ungern zugab, besaß Carter LeBlanc trotz seiner nervigen Forderung nach Einhaltung der Gesetze etwas, das mich anzog. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Natürlich war ich auch kein Mauerblümchen, das zwangsläufig zu einer menschenscheuen alten Frau mit Dutzenden von Katzen werden würde, aber eine ernsthafte Beziehung hatte ich bisher nicht gehabt. Und ganz bestimmt war ich noch keinem Mann begegnet, der mich erröten ließ.
Dass er das schaffte, gefiel mir gar nicht.
Noch verstörender war, dass Carter meiner Meinung nach ganz genau wusste, welche Wirkung er auf mich hatte, und es genoss, in dem Riss in meiner Rüstung herumzubohren.
„Willst du dort stehen bleiben und Löcher in die Luft starren oder dir meinen Vortrag anhören?“, ertönte Ida Belles Stimme direkt neben mir.
Ich unterdrückte einen Seufzer, weil es schon wieder jemand geschafft hatte, sich an mich anzuschleichen, noch dazu am helllichten Tag. Falls ich es jemals aus Louisiana heraus und zurück zur CIA schaffen sollte, würde eine ganze Menge Training erforderlich sein, bevor ich wieder auf eine Mission gehen konnte.
„Ist es schon so weit?“, fragte ich. Was ich wirklich dachte, war jedoch: „Gott sei Dank ist es endlich so weit.“ Sobald die Reden vorüber waren, wollte ich mich so schnell in mein stilles, leeres Haus verziehen, wie mich mein Jeep hinbringen würde.
„Jawohl“, bestätigte Ida Belle. „Hast du den ganzen Hustensaft verteilt?“
„Eine Flasche ist noch übrig“, antwortete ich und streckte die Hand aus. Dass sich noch zwei weitere Flaschen in den Taschen meiner Shorts befanden, verschwieg ich wohlweislich. Ida Belle schuldete mir nach diesem ganzen Zirkus so einiges, und der Hustensaft war das Mindeste.
Sie nahm mir die Flasche aus der Hand. „Die werde ich nachher brauchen.“
Ich nickte und eilte hinter ihr her zur improvisierten Bühne am Ende der Hauptstraße. Ida Belle ging an der Seite hoch aufs Podium und ich schob mich durch die vielen schwitzenden Leute bis in die erste Reihe neben Gertie.
Während die Wahlleiterin mit den beiden Kandidaten plauderte, bot sich mir die erste Gelegenheit, Ida Belles Konkurrenten genauer unter die Lupe zu nehmen.
Mitte fünfzig, ein Meter achtundsiebzig, zweiundachtzig Kilo, neun davon Bauch.
Keine Bedrohung für mich, aber ich hatte keine Ahnung, ob er nicht eine für Ida Belle darstellte. „Was wissen wir über den anderen Kandidaten?“, fragte ich Gertie.
Stirnrunzelnd sah sie zu ihm hoch. „Theodore Nennt-mich-Ted Williams. Da gibt es nicht wirklich viel zu wissen. Vor etwa zwei Jahren ist er von irgendwo nördlich hierhergezogen. Obwohl er es nie offiziell bestätigt hat, heißt es, dass sein Vermögen aus einem Familiengeschäft stammt – irgendwas mit Produktion. Sie haben verkauft, er hat sich eine viel zu junge Frau geschnappt und ist von Neuengland nach Sinful gezogen.“
„Echt? Das ist aber ungewöhnlich. Woher hat er Sinful überhaupt gekannt?“
„Er hat erzählt, dass der alte James Parker, der drüben in Mudbug gelebt hat, ihn vor Jahren mal zum Angeln in verschiedene Bayou-Städte mitgenommen hat. Auch nach Sinful.“
„In Mudbug gelebt hat? Vergangenheit?“
„Ja. Er ist vor rund fünfzehn Jahren gestorben, aber es scheint, als hätte Ted die Gegend immer in guter Erinnerung behalten. Als ihm sein Geld ausgezahlt wurde, hat er einen Makler nach einem Haus in der Gegend suchen lassen. Die Adams waren gerade nach New Orleans gezogen und so waren wir die Glücklichen, die Ted bekommen haben.“
Ich lächelte. „Die Adams Family?“
Gertie grinste. „Ich weiß, ich kann jedes Mal kaum ein Kichern unterdrücken, wenn ich das sage. Du weißt inzwischen schon echt viel über alltägliche Sachen, Fortune.“
Ich nickte. „Ich hab viel Zeit vor dem Fernseher und im Internet verbracht. Mir war gar nicht klar, wie groß, interessant, langweilig und merkwürdig die Welt ist, und das alles gleichzeitig.“
„Das hast du gut erkannt.“
„Kann dieser Ted Ida Belle gefährlich werden? Immerhin ist er noch nicht allzu lange hier, und außerdem ist er ein Yankee …“
Gertie runzelte die Stirn. „Sollte man denken, aber er hat sich tatsächlich ziemlich gut in die Stadt integriert.“
„Mit ‚integrieren‘ meinst du, dass er mit Geld um sich wirft?“
„Natürlich. Geld ist das Einzige, was in Sinful immer knapp ist. Es braucht nicht viel, um diese Hinterwäldler zu beeindrucken oder sich ihre Loyalität zu kaufen. Ich vermute, dass die meisten Männer für Ted stimmen werden – wegen dieser Männersache und weil er Angelzubehör austeilt wie andere Visitenkarten.“
„Und die Frauen?“
„Mit Ausnahme von Celias Gruppe werden wohl die meisten für Ida Belle stimmen.“
Ich schüttelte den Kopf. Celia Arceneaux war die Anführerin der katholischen Frauengruppe, die sich selbst als die GWs bezeichnete, die Kurzform von „God’s Wives“. Ida Belle hingegen nannte sie „Gelangweilte Weiber“, und nach dem zu urteilen, was ich in meiner kurzen Zeit in Sinful gesehen hatte, war ich stark geneigt, ihr zuzustimmen, obwohl es natürlich ziemlich unhöflich war.
Ida Belle stand der Sinful Ladies Society vor, der anderen Frauengruppe im Ort, die ausschließlich aus alten Jungfern und Frauen bestand, die seit mindestens zehn Jahren verwitwet waren. Die Sinful Ladies waren davon überzeugt, dass die unmittelbare Nähe von Männern die natürliche Überlegenheit der Frau abstumpfte, deshalb waren keine Frauen mit männlichem Anhang zugelassen. Diese Vorschriften hatten Celias Gruppe auf die Palme gebracht, und eine lange Fehde war daraus hervorgegangen. Der Hauptkonfliktpunkt war Bananenpudding.
„Du glaubst nicht, dass Celia für Ida Belle stimmen wird, nachdem wir herausgefunden haben, wer Pansy getötet hat?“, fragte ich.
In der Woche zuvor war Celias Tochter einem schrecklichen Mord zum Opfer gefallen. Ida Belle, Gertie und ich hatten es geschafft, den Täter zu stellen; allerdings war ich dabei fast selbst ums Leben gekommen. Ich hatte angenommen – offenbar zu Unrecht –, dass unser Erfolg uns den Weg für eine bessere Beziehung zwischen den beiden Gruppen geebnet hatte.
Gertie seufzte. „Es könnte alles so einfach sein, oder? Aber wenn Celia ihren Damen jetzt rät, Ida Belle zu wählen, dann zerstört sie damit den Grundstock für die dreißigjährige Existenz der GWs. Es würde mich nicht überraschen, wenn Celia zwar für Ida Belle stimmen, es aber nicht zugeben würde.“
Ich schüttelte den Kopf. „Das kommt mir wie eine riesige Energieverschwendung vor.“
„Da stimme ich dir zu.“ Gertie deutete auf die Bühne und klatschte. „Es geht los.“
Die Wahlleiterin, eine riesige Frau namens CindyLou, trat ans Mikrofon und ich zuckte zusammen, weil ich erneut das schrille Geräusch erwartete. Erleichtert stellte ich gleich darauf fest, dass nur ihr nasaler Südstaatenakzent aus den Lautsprechern dröhnte.
„Ruhe!“, rief sie und deutete auf die Menge. „Wir beginnen gleich mit der Diskussion. Da Sinful eine Südstaatenstadt mit Manieren ist, überspringen wir das Münzewerfen und lassen Ida Belle als Dame den Vortritt.“
Ich hörte jemanden murmeln: „Das mit der Dame muss sich erst noch zeigen“, aber als ich mich umsah, konnte ich den Schuldigen nicht ausmachen. Auch nicht schlimm. Auf keinen Fall wollte ich Carter einen Grund für meine Verhaftung liefern, denn das bedeutete, dass er tiefer in meinem Hintergrund wühlen würde. Bisher war ich einer genauen Überprüfung durch den Deputy um Haaresbreite entgangen. Ich befürchtete nämlich, dass meine Tarnung seinen Ermittlungen nicht standhalten würde.
Der Geräuschpegel sank fast bis auf null, als Ida Belle ans Mikrofon trat und ihre Rede begann. Ich hielt sie für gut. Da ich allerdings erst seit letzter Woche regelmäßig fernsah, fehlte mir natürlich der Vergleich. Und Politiker waren sowieso nichts, was mich interessierte. Wenn man ihnen nur den kleinen Finger reichte, mischten sie sich dauernd bei der CIA ein und machten es uns oft schwer, unsere Arbeit zu erledigen. Also hörte ich ihnen nur so viel zu, wie unbedingt erforderlich war.
Als Ida Belle ihre Rede beendete, brach die weibliche Hälfte der Anwesenden in Jubel aus. Dann trat Ted ans Mikro und die Männer johlten.
Ein paar Meter neben uns schrie eine Frau mit schriller Stimme: „Sichre dir diese Wählerstimmen, Baby!“
Ich beugte mich vor, um die Frau zu sehen.
Mitte dreißig, vierundsechzig Kilo – fünf davon die künstlichen Brüste. Fingernägel, die so lang sind, dass sie damit keine Waffe halten könnte, geschweige denn eine abfeuern. Da stellen ja Welpen eine größere Bedrohung dar.
Der Rest von ihr war mindestens genauso verstörend. Eine hautenge Hose, ein so tief ausgeschnittenes Top, dass sie beinahe aussah wie eine Pornodarstellerin, auftoupierte rotbraune Haare und mehr Make-up als alle anderen Frauen bei der Veranstaltung zusammen.
„Seine Frau?“, fragte ich. Gertie warf einen Blick hinüber und verdrehte die Augen. „Ja. Passt hier total gut rein.“
„Die ist doch mindestens zwanzig Jahre jünger als er. Warum sollte so eine Frau an einem Ort wie Sinful leben wollen?“
„Da würde ich glatt auf die alte Geschichte tippen – Vaterkomplex. Außerdem ist Ted reich, und Paulette kommt mir nicht gerade wie eine Leuchte vor.“
Erstaunt, wie sehr manche Frauen ihre Standards senkten, um Berufstätigkeit vermeiden zu können, schüttelte ich den Kopf. Zivilisten waren ziemlich verwirrend und widersprüchlich.
Als Ted seine Rede begann, wurde ich sofort an meinen letzten Besuch bei einem Autoverkäufer erinnert. Es war wie ein Déjà-vu. Das breite, falsche Lächeln, das Nicken … Ted hatte die Gebrauchtwagenhändlernummer voll drauf. Was mich aber wirklich verblüffte – die Männer im Publikum schienen ihm sein Gerede abzukaufen. Oder vielleicht war es tatsächlich so, wie Gertie vermutete, und ihnen gefielen einfach nur die Gratisartikel, die er verteilte.
Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis der alte Schwätzer endlich seinen Auftritt beendete, und ich hoffte inständig, dass wir es jetzt überstanden hätten. CindyLou stellte jedoch ein weiteres Mikrofon auf die Bühne, und Ida Belle und Ted nahmen jeweils hinter einem Mikro ihre Plätze ein.
„Folgt jetzt ein Rededuell?“, fragte ich. Angesichts meiner Erfahrungen mit Sinful konnte ich mir nicht mal ansatzweise vorstellen, wie das wohl ablaufen würde.
„Kein Rededuell“, klärte mich Gertie auf. „Die beiden geben lediglich ihre Wahlversprechen bekannt.“
Ich runzelte die Stirn, weil ich keine Ahnung hatte, was das hieß, doch da räusperte sich Ida Belle und sagte: „Ich verspreche, am Spielplatz Laternen aufstellen zu lassen.“
Die Frauen brachen in Jubel aus.
Ted nickte ihr zu und sagte: „Ich verspreche, das öffentliche Dock neu zu asphaltieren.“
Diesmal jubelten die Männer.
„Hab’s kapiert“, sagte ich. „Aber sind das wirklich alles machbare Versprechen? Ich meine, steht dafür überhaupt Geld zur Verfügung?“
Gertie machte eine abwehrende Handbewegung. „Jeder weiß, dass nichts davon einzuhalten ist. Seit hundert Jahren hat Sinful kein Geld mehr für solche Sonderausgaben gehabt. Aber die Menschen hören gerne, was passieren könnte, wenn Sinful so eine Art Lotteriegewinn einstreichen würde.“
Ich schüttelte den Kopf. Die Wahl zum Bürgermeister von Sinful stand und fiel also damit, wer die besten Geschichten erfinden und damit die meisten Bürger beeindrucken konnte. Gut, im Prinzip kam sowieso kaum etwas anderes als ein Märchen heraus, sobald ein Politiker den Mund öffnete, aber in diesem Fall versuchte man ja nicht einmal, damit hinter dem Berg zu halten.
„Ich verspreche, Alkohol innerhalb der Stadtgrenzen zu legalisieren“, verkündete Ted.
Eine unangenehme Stille legte sich über die Menge, und Gertie lächelte breit. „Jetzt hat er es sich versaut“, flüsterte sie mir zu.
Ich runzelte die Stirn. Warum die Frauen nicht wollten, dass man in der Stadt legal trinken konnte, leuchtete mir ein. Das würde Bars bedeuten und somit die Gefahr bergen, dass ihre Männer dort ausfällig wurden. Außerdem waren die Frauen alle mit dem Hustensaft der Sinful Ladies versorgt. Warum die Männer so merkwürdig still geworden waren, verstand ich jedoch nicht.
„Was haben denn die Männer gegen die Legalisierung von Alkohol?“, fragte ich.
Gertie schnaubte. „Glaubst du etwa, sie wollen, dass alle hier in der Stadt sehen, wie sie sich aufführen, wenn sie getrunken haben? Wenn sie sich wie Kinder benehmen wollen, gehen sie in die Sumpfbar oder nach New Orleans. Dadurch können ihre Frauen so tun, als wüssten sie nichts davon, und solange es nicht vor aller Augen hier in Sinful passiert, spielen alle bereitwillig mit.“
„Ah.“ Auf Sinful-Weise ergab das einen Sinn.
Ida Belle beugte sich vor, ein breites Grinsen im Gesicht. Ganz offensichtlich holte sie jetzt zum finalen Schlag aus. „Ich verspreche, einen Fonds einzurichten, aus dem die Installation eines zweiten Kühlschranks bei Francine finanziert werden wird. Auf diese Weise kann jeder Einwohner sonntags einen Bananenpudding genießen.“
Die Menschen drehten durch und Gertie hob den Arm, um mich abzuklatschen. „Volltreffer“, sagte sie.
Ich schlug gegen ihre Hand und lachte. Nur in Sinful konnte jemand eine Bürgermeisterwahl mithilfe eines Bananenpuddingkühlschranks gewinnen.

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Als ich mich endlich aus meinem Jeep ins Haus und dann sofort unter die Dusche schleppte, war es schon fast dunkel. Gertie hatte die Hauptstraße nur wenige Minuten vor mir verlassen. Ida Belle war immer noch auf der Bühne gewesen und hatte mit ihrem Konkurrenten geplaudert. Seine Frau Paulette hatte ihre Unterstützerrolle da schon längst aufgegeben, nachdem sie behauptet hatte, die Luftfeuchtigkeit beeinträchtige die Stützkraft ihres Haarsprays. Die meisten Einwohner waren nach Hause gegangen und hatten das Großreinemachen auf den Folgetag verschoben. Irgendwas sagte mir, dass ich da sicher wieder hineingezogen werden würde. Darauf freute ich mich kein bisschen, ganz besonders nicht bei dieser Hitze.
Ich blieb unter dem Wasserstrahl stehen, bis meine Haut ganz schrumplig war. Während der Wahlveranstaltung hatte ich zwar hier und da einen Happen gegessen, aber eine anständige Mahlzeit hatte ich seit dem Frühstück nicht mehr gehabt. Ich stieg aus der Dusche und mein Magen protestierte deutlich. Nachdem ich meine langen Extensions zu dem standardmäßigen Pferdeschwanz zurückgebunden hatte, den man anscheinend inzwischen von mir erwartete, zog ich mir Shorts und ein T-Shirt über und ging nach unten, um mir ein Sandwich zu machen. Irgendwo hatte ich sicher auch noch Kartoffelchips. Außerdem erwartete mich die neueste Dessertkreation meiner Freundin Ally, die ich auf Verkaufstauglichkeit in Allys zukünftiger Bäckerei hin testen sollte.
Es dauerte keine zwanzig Minuten, bis ich mein Roastbeefsandwich, die Chips und etwas Himmlisches, das Ally als Sommertorte bezeichnete, verputzt hatte und wieder auf dem Weg nach oben war. Dort fiel ich wie ein Stein ins Bett und schlief sofort ein, sogar ohne meine geräuschblockierenden Kopfhörer.
Aufgeweckt wurde ich von einem Hämmern an meiner Haustür, und ich schoss hoch und schnappte mir meine Pistole. Ich landete in schussbereiter Position, die Tür anvisiert. Es dauerte einen Augenblick, bis mein Verstand meinem Körper folgte, und dann wurde mir bewusst, dass das Klopfen aus dem Erdgeschoss kam.
Ein Blick nach draußen auf den kohlrabenschwarzen Himmel verriet mir, dass das kein gutes Zeichen war. Die Pistole immer noch fest umklammert schlich ich nach unten und versuchte zu verdrängen, dass ich beim letzten Mal, als man mich zu unchristlicher Zeit aus dem Bett geholt hatte, des Mordes beschuldigt worden war.
Langsam öffnete ich die Tür. Erleichtert erkannte ich, dass diesmal nicht Carter davorstand, doch als ich den Ausdruck in Gerties Gesicht sah, verschwand dieses Gefühl sofort.
„Was ist los?“, fragte ich und winkte sie herein.
Sie umklammerte den Saum ihres Pullovers und drehte ihn zu einem Knoten. Ich sah, dass ihre Hände zitterten. In der kurzen Zeit, die ich Gertie kannte, hatten wir bereits einige haarige Situationen erlebt. So besorgt hatte ich sie jedoch noch nie gesehen. Das machte mir höllische Angst.
„Gertie, sag mir, was los ist!“
„Marie hat mich angerufen. Sie wohnt schräg gegenüber von den Williams. Ich kenne noch nicht alle Fakten, aber vor etwa einer Stunde ist der Notarzt dort aufgetaucht und kam mit einem Leichensack wieder aus dem Haus heraus.“
Ich zog scharf den Atem ein. „Wer ist es?“
„Marie sagt, Paulette kam aus dem Haus gerannt und hat sich schreiend und weinend über die Bahre geworfen. Die Sanitäter haben ihr ein Beruhigungsmittel gegeben und sie in den Rettungswagen mit der Leiche gesetzt, ehe sie losfuhren.“
Ich verarbeitete das, was Gertie mir erzählt hatte, und versuchte zu erkennen, welcher Teil der Geschichte ihr solche Angst machte. Bisher erschien mir das alles recht eindeutig. „Also, Ted ist gestorben. Und worüber machst du dir Sorgen?“
„Carter hat das Haus versiegelt. Marie ist nach draußen gegangen und hat gehört, wie er ein Forensikteam angefordert hat. Er hatte eine Beweismitteltüte mit einer Flasche darin in der Hand.“
„Ted ist an einer Überdosis gestorben?“, fragte ich, weil ich immer noch nicht verstand, warum Gertie so gestresst wirkte. „Das sollte der Coroner doch erkennen können.“
Gertie schüttelte den Kopf. „Marie hat gesagt, es war eine unserer Hustensaftflaschen. Bevor die Sanitäter Paulette ruhiggestellt haben, hat sie gerufen: ‚Sie hat ihn umgebracht!‘“
Sofort bekam ich einen Flashback – Ida Belle, wie sie meine letzte Hustensaftflasche nahm … Ida Belle, die noch nach dem Ende der Veranstaltung mit Ted auf der improvisierten Bühne gesessen hatte … All das lief rasend schnell in meinem Kopf ab, und plötzlich überkam mich eine schreckliche Ahnung.
„Wo hatte er die Flasche her?“
Gerties Unterlippe zitterte. „Ich befürchte, Ida Belle hat sie ihm gegeben. Sie hatte eine in der Hand, als ich gegangen bin.“
Ich nickte. „Ich hab sie ihr gegeben. Es war meine letzte.“
Ich hätte es zwar nicht für möglich gehalten, dass Gertie noch deprimierter aussehen könnte, aber sie schaffte es. „Eigentlich hatte ich auf eine andere Erklärung gehofft, auch wenn ich mir schon gedacht habe, dass es so war.“
„Hast du Ida Belle angerufen und vorgewarnt?“
„Ich hab’s versucht, aber sie geht nicht ans Telefon. Also bin ich bei ihr vorbeigefahren. Carters Truck stand bereits vor ihrem Haus. Ich hab zwar geklopft, doch er hat mich nicht reingelassen. Stattdessen hat er mir geraten, nach Hause zu gehen und mich um meine eigenen Angelegenheiten zu kümmern.“
Gerties Gesicht wurde vor Ärger ganz rot. „Ida Belle ist meine älteste und beste Freundin. Seit wann ist sie nicht meine Angelegenheit?“
In dem ungeschickten Versuch, sie zu trösten, tätschelte ich Gerties Arm. Solche Dinge lagen definitiv außerhalb meiner Fähigkeiten. „Carter ist momentan im Ermittlermodus. Ich bin sicher, dass er nicht andeuten wollte, dass dir das egal sein muss.“
„Vielleicht“, sagte Gertie, die sich weigerte, sich besänftigen zu lassen. „Aber das hier ist keine Großstadt voller Fremder. Carter kennt Ida Belle schon sein ganzes Leben lang. Du und ich, wir wissen aus Erfahrung, dass sie sehr wohl in der Lage ist, jemanden zu töten, aber Carter kennt diese Seite von ihr nicht. Wir wissen allerdings auch, dass sie niemals so weit gehen würde, solange keine Situation auf Leben und Tod es erforderlich macht. Wir waren Soldatinnen, keine Soziopathen.“
„Ich weiß.“ Und in diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich diese beiden einfachen Worte zu einhundert Prozent so meinte. Obwohl ich Ida Belle seit weniger als zwei Wochen kannte, war ich mir absolut sicher, dass sie Ted nicht getötet hatte. Darauf hätte ich meine Tarnung verwettet.
Ein Blick auf Gerties gequälte Miene ließ mich jedoch grübeln, ob es vielleicht darauf hinauslaufen würde.