Indie Translations

29 1/2 Gründe

von Denise Grover Swank

Übersetzt von: Jeannette Bauroth
Originaltitel: Twenty-Nine and a Half Reasons
Erscheinungsdatum: 1. April 2015

Rose freut sich auf einen arbeitsfreien Vormittag, als sie sich beim Gericht als Geschworene melden soll. Doch dann wird sie nach einem peinlichen Zusammenstoß mit dem neuen Stellvertretenden Staatsanwalt Mason Deveraux in die Jury bei einem Mordprozess berufen.

Im Laufe des Verfahrens erkennt sie, dass ihre ominöse Vision in der Herrentoilette beweist, dass der Angeklagte unschuldig ist. Und dass sie nichts tun kann, um seine Unschuld zu beweisen.

Oder vielleicht doch?

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Kapitel 1

Mit einem Freund sollte mein Leben eigentlich einfacher sein, stattdessen war alles nur noch komplizierter geworden.

Trübsal blasend knöpfte ich an einem Montagmorgen Joes weißes Hemd zu. Es war das fünfte Mal, dass er nach einem gemeinsamen Wochenende mit mir nach Little Rock fuhr, und der Abschied fiel mir mit jedem Mal schwerer. Ich legte meine Wange an seine Brust und seufzte. „Ich wünschte, du müsstest nicht gehen.“

Er hob mein Kinn an und beugte sich herunter, um mich zu küssen. Jetzt wollte ich noch mehr, dass er blieb. „Kündige doch einfach deinen Job bei der Kfz-Zulassung. Du hasst die Arbeit dort doch sowieso. Dann könntest du zu mir nach Little Rock ziehen.“

Ich seufzte erneut. Dieses Gespräch führten wir nicht zum ersten Mal. „Joe …“

Er küsste mich noch einmal. Seine Lippen waren mein Kryptonit und das wusste er genau.

Muffy, meine dreieinhalb Kilo schwere Wachhündin, winselte zu meinen Füßen. Ihr Timing war wie immer perfekt. „Ich gehe gleich mit dir raus, Muffy.“ Ich machte mich von Joe los und warf einen Blick auf die Uhr. „Es ist schon sieben und bis nach Little Rock brauchst du zwei Stunden. Du musst los.“

„Du hast meine Frage noch nicht beantwortet.“

Ich legte ihm die Hände auf die Brust und sah mit einem verschmitzten Grinsen zu ihm auf. „Ein intelligenter Detective wie du weiß ganz genau, dass das keine Frage war. Und außerdem kennst du meine Antwort bereits. Wir sind erst seit einem Monat zusammen. Es ist viel zu früh für so was. Und außerdem ist da noch Violet …“

„Deine Schwester ist eine erwachsene Frau mit einer eigenen Familie. Du hast vierundzwanzig Jahre damit verbracht, es deiner Mutter recht zu machen, Rose. Langsam wird es Zeit, dass du mal an dich denkst.“

„Ich kann Violet nicht einfach mit dem ganzen Erbschaftskram sitzen lassen. Das wäre ihr gegenüber nicht fair.“

„Verkauf das Haus und teilt den Gewinn. So schwierig ist das nicht.“

Ich trat einen Schritt zurück. Ich wollte das Haus nicht verkaufen. „Das ändert nichts daran, dass wir uns erst seit ganz kurzer Zeit kennen. Wir sind gerade mal …“

„Einen Monat zusammen“, beendete Joe seufzend meinen Satz. „Ich weiß. Wie lange brauchst du denn? Zwei Monate? Ein Jahr?“

„Keine Ahnung.“ Dass ich die Antwort nicht kannte, frustrierte mich.

Er zog mich an seine Brust und streichelte zärtlich meinen Nacken. „Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht bedrängen. Du fehlst mir einfach so sehr unter der Woche und die Wochenenden sind viel zu kurz.“

„Ich weiß.“ Mein Magen schlug vor lauter Verwirrung Purzelbäume. Er fehlte mir auch. Schrecklich sogar. Warum wollte ich also nicht zu ihm nach Little Rock ziehen? Ich drückte mich an seine Brust. Der leise Klang seines Herzschlags hatte eine tröstliche und beruhigende Wirkung. Ich wollte so viel wie möglich davon aufsaugen, um es durch den Rest der Woche zu schaffen. Vier Nächte ohne ihn – der Gedanke erfüllte mich mit Einsamkeit, aber der Gedanke an einen Umzug nach Little Rock erfüllte mich mit Grauen.

Er küsste mich noch einmal, um mir zu zeigen, was ich die nächsten fünf Tage verpassen würde. Seine Absicht war mir völlig klar. Er zog sich zurück und schenkte mir ein provozierendes Lächeln.

„Du arbeitest mit schmutzigen Tricks“, warf ich ihm vor und grinste.

„Darauf kannst du wetten.“ Joe ließ die Arme sinken und drehte sich um. „Okay, ich muss los, ehe ich dich ins Auto schleppe und einfach mitnehme.“ Er kramte auf der Arbeitsplatte herum.

„Das nennt man Kidnapping, Detective Simmons. Gerade du solltest das wissen. Was suchst du denn?“

„Meinen Schlüssel.“ Er öffnete die Kramschublade und durchwühlte den Inhalt. „Hier ist er.“ Er zog ihn heraus und dazu einen Umschlag. „Amtsgericht von Fenton County. Das sieht wichtig aus.“

Ich riss ihm den Umschlag aus der Hand. „Oh, Scheibenkleider! Den hab ich total vergessen. Ich soll mich am Elften als Geschworene melden. Welchen Tag haben wir heute?“

Joe zog die Augenbrauen hoch. „Den Elften.“

Mir drehte sich der Magen um. „Oh nein! Ich hab Suzanne noch nichts davon gesagt und Urlaubstage habe ich auch keine mehr. Sie wird mich bestimmt nicht freistellen!“

„Suzanne muss dich freistellen. So steht es im Gesetz – und Urlaubstage werden dafür auch nicht angerechnet, also mach dir keine Sorgen. Sie wird es verstehen.“

Da war ich mir nicht so sicher. Suzanne, meine Kollegin und Erzfeindin, war nach der Verhaftung unserer alten Chefin befördert worden. Ich war an der Aufklärung des Verbrechens beteiligt gewesen und hatte auch ein paar Verletzungen davongetragen. Als ich nach einer Woche Abwesenheit mit einem grün und blau geschlagenen Gesicht auf die Arbeit zurückgekehrt war, hatte Suzanne geglaubt, ich wäre ebenso wie sie ein Opfer häuslicher Gewalt. Als sie jedoch herausfand, dass ich bei einer verdeckten Ermittlung so zugerichtet worden und Joe ein Undercover-Cop war, hasste sie mich wieder. Suzanne war es egal, dass ich unfreiwillig in die Ereignisse hineingezogen worden war, sie sah nur die Schlagzeilen über mich und dass ich mehr Aufmerksamkeit erhielt als sie. Natürlich gehörte nicht besonders viel dazu, in Henryetta, Arkansas, einer Stadt mit 11.000 Einwohnern, groß in die Schlagzeilen zu kommen. Vor der ganzen Geschichte um Daniel Crocker war der größte Aufreger gewesen, dass Samantha Jo Wheaton in ihrer Einfahrt das Boot ihres fremdgehenden Ehemannes angezündet hatte.

„Ruf sie einfach an und sag, dass du es vergessen hast. Außerdem dauert das im Gericht vermutlich nur den halben Tag und nachmittags bist du schon wieder auf der Zulassungsstelle. Die werden kaum Zeit haben, deine Abwesenheit zu bemerken.“

„Ja, du hast vermutlich recht …“ Abgesehen von der aufgeflogenen Verbrecherorganisation, die auch für zwei Todesfälle verantwortlich war (meine Momma und einen Barkeeper aus Jaspers Steakhouse), sowie ein paar Einbrüchen in mein Haus, gab es in Henryetta oder im Bezirk Fenton County nicht viel Kriminalität. Wurden für das verkehrswidrige Überqueren einer Straße Geschworenenprozesse abgehalten?

Muffy winselte erneut und Joe beugte sich zu ihr hinunter, um ihr den Kopf zu kraulen. „Ich fühle mich genauso, mein Mädchen.“ Er nahm meine Hand und drückte sie. „Ich muss los. Bringst du mich noch zum Auto?“

Ich sah auf meinen knappen Schlafanzug hinunter. „Um Mildred, der Präsidentin des Klatschbasenvereins, neue Munition zu liefern, wenn sie sieht, wie du mich zum Abschied küsst? Ja. Ich bringe dich raus.“

Wir betraten die Juli-Sauna. Muffy schoss vor uns durch die Tür.

„Das wird heute wieder glühend heiß“, sagte Joe. „Angeblich soll es der heißeste, trockenste Juli aller Zeiten sein.“

„Hmm.“ Ich war schon viel zu beschäftigt damit, ihn bereits jetzt zu vermissen, als dass ich mich für das Wetter interessiert hätte.

Wir warteten, bis Muffy ihr Geschäft verrichtet hatte, um noch ein bisschen gemeinsame Zeit herauszuschlagen. Joe deutete auf das Nachbarhaus. Dort hatte er während seines Undercover-Einsatzes gewohnt, bei dem er sich als Mechaniker ausgegeben und Beweise gegen Daniel Crocker gesammelt hatte, damit die State Police seinen bundesstaatenweiten Handel mit gestohlenen Autoteilen auffliegen lassen konnte. „Weißt du schon, wer da wohnen wird?“

„Laut Mildred eine Familie mit fünf Söhnen. Sie wollen diese Woche einziehen.“

„In das winzige Haus?“

„Wenn Mildred es sagt, dann stimmt es auch.“

Joe zuckte mit den Schultern. Sogar nach der kurzen Zeit, die er hier verbracht hatte, wusste er bereits, dass Mildred nichts entging.

Als wir schließlich neben seinem Auto standen, zog er mich in seine Arme.

„Du arbeitest diese Woche doch nicht undercover, oder?“ Ich sah ihm direkt ins Gesicht, um mich zu vergewissern, dass er mir ehrlich antwortete.

Joe lächelte. Er wusste genau, dass mir sein Job Angst machte. Bei dem Einsatz in Henryetta wäre er fast getötet worden. Ich hatte keine Ahnung, ob es schon öfters so knapp für ihn gewesen war. Er weigerte sich, darüber zu sprechen. „Nein, Schatz. Diese Woche nicht.“

„Du würdest mich doch nicht anlügen, nur damit ich mir keine Sorgen mache, oder?“

Er gab mir einen sanften Kuss und murmelte an meinem Mund: „Nein, Rose. Ich schwöre, dass ich dich niemals anlügen werde.“

„Gut.“ Ich schob ihn sanft von mir. „Und jetzt fahr los, ehe ich dich zurück ins Haus schleppe und einschließe.“

Anzüglich lächelnd zog er die Augenbrauen hoch. „Fesselst du mich auch?“

Ich neigte den Kopf. „Würdest du bleiben, wenn ich Ja sage?“

Lachend öffnete er die Autotür. „Was war mein Leben doch langweilig, ehe ich dir begegnet bin, Rose Gardner.“

„Du lässt es klingen, als wäre das was Schlechtes, Joe McAllister.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich meine Simmons. Ich glaube, an deinen echten Nachnamen werde ich mich nie gewöhnen. Für mich wirst du immer Joe McAllister bleiben.“

Vom Fahrersitz aus sah er mich mit seinen wunderschönen braunen Augen an, die mit ein paar dunklen Flecken gesprenkelt waren. Es versetzte mir immer noch einen kleinen Stich, dass Joe mich für die mögliche Erpresserin gehalten und seine Tarnung so lange aufrechterhalten hatte.

Die Sonne schien auf seine braunen Haare und ließ seine natürlichen kupferfarbenen Strähnen leuchten. Zum tausendsten Mal fragte ich mich, warum ich nicht mit ihm ging. Er war ein gut aussehender Mann und lebte allein in der Stadt. Jede Frau würde töten, um mit ihm zusammen zu sein. Ich war verrückt. Aber ich war auch stur.

Er nahm meine Hand und strich mit dem Daumen über den Handrücken. „Ich möchte dich nicht so zurücklassen. Mit den ganzen Erinnerungen an die schlechten Zeiten.“

„Tut mir leid. Ich möchte auch nicht, dass du so gehst.“

Er schob den Sitz zurück und zog mich auf seinen Schoß.

„Joe!“, quiekte ich.

„Dann wollen wir doch Mildred mal Gesprächsstoff für eine ganze Woche liefern.“ Er schob die Hände in meine Haare und zog meinen Mund auf seinen. Ich vergaß, worüber wir gerade gesprochen hatten. Nach einer guten halben Minute flüsterte er: „Wir hören lieber auf, bevor ich dich zurück ins Haus trage. Ich komme sowieso schon zu spät.“

Ich saugte seine Unterlippe sanft in meinen Mund und er stöhnte. Eigentlich hätte ich ein schlechtes Gewissen haben müssen, weil ich ihn so quälte; stattdessen genoss ich, dass ich die Macht dazu besaß.

„Vielleicht reiße ich dir lieber gleich hier im Auto die Klamotten runter.“

Ich grinste. „Das traust du dich nicht.“

„Schatz, wenn du mich weiter so küsst, übernehme ich keine Verantwortung für das, was passiert.“ Er ließ die Hand unter mein Oberteil gleiten. Ich kicherte und versuchte, von seinem Schoß zu fliehen, aber er hatte seinen Arm um meine Taille gelegt und hielt mich fest. Er lachte, aber der Ausdruck in seinen Augen verriet mir, dass er das nur halb scherzhaft meinte.

Ich sah ihm ins Gesicht, prägte es mir ein, damit ich die ganze Woche davon zehren konnte. Das vertraute Kribbeln im Hinterkopf ließ mich jedoch scharf den Atem einziehen – eine Vision war im Anmarsch. Ich nahm nichts anderes mehr wahr als das Bild, das vor meinem inneren Auge erschien. Ich sah alles durch Joes Augen – meine Gabe ermöglichte es mir, die mögliche Zukunft der Menschen zu sehen, denen ich körperlich nah war. Diesmal saß ich in einem Büro, an einem Schreibtisch, und hatte die Hände zu Fäusten geballt. Vor mir stand ein älterer Mann. „Es hat nichts mit dir persönlich zu tun, Joe. Hättest du dich in Henryetta an die Vorschriften gehalten, hättest du die Stelle bekommen.“

Als meine Vision langsam abklang, sagte ich: „Du bekommst die Stelle nicht.“ Dann wurde mein Kopf wieder völlig klar und ich stöhnte. Ich würde alles dafür geben, nicht immer damit herauszuplatzen, was ich in meinen Visionen sah. Aus irgendeinem Grund war mein Zweites Gesicht direkt mit meiner großen Klappe verbunden, und dieser nervende Charakterzug war meistens der Grund, dass ich in Schwierigkeiten geriet.

Sein Lächeln war wie weggewischt.

„Ich wusste gar nicht, dass du nach einem neuen Job suchst, Joe.“

„Es ist eine Versetzung, Rose, und jetzt spielt es auch keine Rolle mehr.“

Ich wollte ihn fragen, wohin er sich versetzen lassen wollte, aber ich wusste, dass es näher zu mir gewesen wäre. Auf keinen Fall hätte er sich um eine weiter weg gelegene Stelle beworben. „Du weißt doch am allerbesten, dass meine Visionen nicht immer wahr werden. Ich habe mich tot gesehen. Ich habe dich tot gesehen. Wir beide leben noch.“

Er wirkte hoffnungsvoll. „Glaubst du wirklich, man kann den Verlauf noch ändern?“

Warum hatte ich das eben bloß gesagt? „Nein, ich denke nicht. Der Mann hat gesagt, es liegt daran, dass du dich in Henryetta nicht an die Vorschriften gehalten hast.“ Das war meine Schuld gewesen. Joe hatte Befehle missachtet und mir geholfen, vor Daniel Crocker zu fliehen. Er hatte mir das Leben gerettet. „Es tut mir leid, Joe.“

Er verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. „Hey, ist schon gut. Irgendwie wird schon alles klappen.“ Er küsste mich und sah mir in die Augen. „Ich hätte nichts anders gemacht, außer vielleicht dir ein bisschen früher zu vertrauen.“

Ich lächelte, Tränen in den Augen. Ich konnte mir mein Leben ohne ihn gar nicht mehr vorstellen. Ich kletterte von seinem Schoß herunter und stellte mich neben das Auto.

„Ich wünsche dir eine schöne Woche, Rose. Ruf mich heute Abend an und erzähl mir von der Geschworenenauswahl.“

Ich stützte eine Hand in die Hüfte und konterte: „Und du kannst mir im Gegenzug wieder mal absolut gar nichts über deinen Tag erzählen. Streng geheime Polizeiarbeit.“

Er schüttelte den Kopf und grinste. „Wenn du wüsstest. Das meiste davon ist total langweilig.“

„Nichts an dir ist langweilig, Joe Simmons.“

Er zwinkerte mir zu, einen verschmitzten Blick in den Augen. „Man muss dafür sorgen, dass es immer spannend bleibt.“ Dann schloss er die Tür und winkte mir zu, während er aus der Einfahrt fuhr.

„Deine Mutter würde sich im Grab umdrehen.“

Mildred, meine zweiundachtzig Jahre alte Nachbarin, stand in einem pinken, fusseligen Bademantel und mit Lockenwicklern in den Haaren auf der Veranda. In der Hand hielt sie eine Gießkanne. Mir wurde bewusst, dass mein Schlafanzug aus einem Top mit Spaghettiträgern und einer sehr kurzen Hose bestand. „Guten Morgen, Miss Mildred.“

„An einem Morgen ist nichts gut, wenn man beim Aufwachen gleich eine Pornoshow vor seinem Haus beobachten muss.“

Ich seufzte schwer. „Das war keine Pornoshow, Miss Mildred. Ich hab mich nur von Joe verabschiedet.“

Sie schüttelte den Kopf und schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Unzucht treiben nennt man das.“

„Die Zeiten haben sich geändert, Miss Mildred.“

„Die Zeiten ändern sich immer, Rose Anne Gardner, aber die Heilige Schrift nicht, und dort steht, dass das Unzucht treiben ist, was du da machst. So bist du nicht erzogen worden.“

„Ich werde daran denken. Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen!“ Ich winkte ihr zu und rief Muffy nach drinnen. Im Haus war es durch die Klimaanlage schön kühl, doch Mildreds Worte lasteten schwer auf meinem Gewissen. Sie hatte recht. Ich war im Glauben an viele Dinge erzogen worden, und die meisten davon hatten sich als falsch herausgestellt. Trotzdem konnte ich mein schlechtes Gewissen nicht ignorieren.

Warum wollte ich denn nicht zu Joe nach Little Rock ziehen? Was hielt mich denn hier? Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass ich dazu noch nicht bereit war.

Mit Bauchschmerzen nahm ich den Hörer in die Hand, um meine Chefin anzurufen. Bereits beim zweiten Klingeln nahm sie ab; durch die Anruferkennung wusste sie bereits, dass ich es war.

„Was ist es diesmal, Rose? Eine Motorradgang? Ist deine Großtante Tilly gestorben?“

Ich schluckte. „Geschworenendienst.“

Nach einer Sekunde Pause hörte ich wieder ihre ausdruckslose Stimme. „Geschworenendienst. Heute?“

„Suzanne, es tut mir leid. Ich hab das total verschwitzt.“ Ich hielt den Hörer so fest umklammert, dass ich schon Angst hatte, er würde zerbrechen.

„Ich wette zehn Dollar und eine Zitronencremetorte, dass du keinen Geschworenendienst hast, Rose Gardner. Vermutlich willst du nur den ganzen Tag mit deinem superwichtigen Lover im Bett verbringen. Und wenn ich rausfinde, dass ich recht habe, dann feuere ich dich.“

Zuerst einmal wusste ich, dass sie mich nicht feuern konnte. Mein Arbeitgeber war der Bundesstaat Arkansas und bei Regierungsjobs ging es ein wenig anders zu. Meine berufliche Laufbahn war makellos; man konnte mir ja wohl kaum Minuspunkte dafür geben, dass ich meine ehemalige Chefin Betty der Erpressung überführt hatte. Obwohl Betty da sicher anderer Meinung wäre.

„Ich lasse mir vom Gericht eine Bescheinigung geben und bringe sie heute Nachmittag mit. Okay?“

Suzanne antwortete, indem sie auflegte.

Eigentlich hoffte ich, dass meine Geschworenenpflicht so lange dauern würde, dass ich heute nicht mehr bei der Arbeit erscheinen musste. Ein Ringkampf mit einem hungrigen Wildschwein wäre mir momentan deutlich lieber, als Suzanne gegenüberzutreten.

Unter der Dusche dachte ich erneut über Joe nach. Er hatte recht. Ich hasste meinen Job und Suzanne hatte mir immer schon eine Heidenangst eingejagt. Seit sie die Macht innehatte, die mit dem Posten als vorübergehender Supervisor der Außenstelle Nr. 112 des Ministeriums für Verwaltung und Finanzen des Bundesstaates Arkansas einherging, war es nur noch schlimmer geworden.

Warum suchte ich mir nicht einfach eine neue Stelle? Hier hielt mich nichts. Nach Mommas Tod hatte ich erfahren, dass ich von meiner leiblichen Mutter mehr als eine Million Dollar geerbt hatte, aber davon hatte ich noch keinen Cent angerührt. Da meine persönlichen Ausgaben eher gering waren, konnte ich es mir leisten, zu kündigen und erst mal ein paar Monate lang nicht zu arbeiten, um mir darüber klar zu werden, was ich mit meinem Leben anfangen wollte. Aber das würde ich niemals tun; dafür war ich zu pragmatisch erzogen worden.

Manche Lektionen saßen eben zu tief, um sie wieder zu vergessen.