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Hungrige Begierde

von Donna Grant

Übersetzt von: Corinna Wieja
Originaltitel: The Hunger
Erscheinungsdatum: Dezember 2014

(2. Band der „Teufelskerle von Schottland“-Reihe)

DIE CHANCE AUF VERTRAUEN
Leana gibt offen zu, dass sie die Stille des Waldes der Gesellschaft von Menschen vorzieht. Sie führt ein unabhängiges, zufriedenes, wenn auch einsames Leben. Als sie jedoch über einen mysteriösen, bewusstlosen Mann im Wald stolpert — denselben Mann, den sie zuvor in einer Vision gesehen hat — beginnt sie an die Magie zu glauben, über die die Dorfbewohner tuscheln. Denn nur Magie kann diese unkontrollierbare, hungrige Begierde für den attraktiven Morcant in ihr geweckt haben. Aber kann sie es wagen, ihren Sehnsüchten nachzugeben, obwohl sie weiß, dass er sie vielleicht verlässt wie alle anderen?

 

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1. KAPITEL

Schottland 1609

 

Leana hob das Gesicht in den Wind und schloss die Augen. In der Luft lag der Geruch nach Herbst, doch die eisige Brise kündete bereits den bevorstehenden Winter an. Sie mochte den Herbst, doch der Winter war ihr die liebste Jahreszeit. Von einer weißen Schneedecke überzogen, strahlte die Landschaft eine besondere friedliche Schönheit aus.

Die Brise flaute ab und sie öffnete die Augen. Vor ihr fiel der Hügel sanft zum Tal ab. Das kleine Dorf, das sich in die Senke schmiegte, war alles, was sie kannte. Die Menschen dort waren gut und freundlich. Es waren einfache Leute, die ein einfaches Leben führten.

Sie meinten es nur gut, aber sie hatten kein Gespür dafür, wann sie es zu gut meinten.

Eine Bö zupfte an Leanas Röcken. Sie nahm den Korb in die andere Hand und setzte ihren Weg hügelaufwärts fort. Auf der anderen Seite wuchsen die Kräuter, die sie für ihre Heiltinkturen benötigte.

So lange sie sich erinnern konnte, durchstreifte sie die Hügel und Berge schon allein. Da das Dorf mitten in den Ländereien des Sinclair-Clans lag, gab es nur selten Überfälle anderer Clans. Das hieß jedoch nicht, dass die jungen Männer des Dorfes abgeneigt waren, sich mit anderen zusammenzutun, um ihre nächsten Nachbarn zu überfallen – die MacKays.

Sobald sie den Wald betreten hatte, stieß Leana ein Seufzen aus. Sie genoss das Gefühl des Friedens, das sie im Schatten der Bäume verspürte. Aus diesem Grund lebte sie auch lieber allein in ihrem Cottage statt im Dorf. Sie verstand die anderen Frauen ihres Alters nicht, die nichts anderes im Sinn hatten, als einen Ehemann zu finden. Es gab doch Wichtigeres im Leben als Männer.

Leana war allein, aber sie war nicht einsam. Die Menschen verwechselten dies oft oder nahmen an, dass sie sich einsam fühlen musste, weil sie allein lebte. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, hatte sie wenig für andere Menschen übrig. Sie hatten Vorurteile, mischten sich in alles ein oder versuchten, sie zu bevormunden. Als ob sie nach anderer Leute Pfeife tanzen würde. Doch gleich, wie viele Jahre auch vergingen, sie hörten nicht auf, sich in ihre Angelegenheiten einzumischen, mit der Behauptung, es sei zu ihrem Besten.

Als ob sie sie gut genug kannten, um zu wissen, was das Beste für sie war.

Leana stellte den Korb ab, kniete neben einer Sumpfmyrte nieder und schnitt ein paar der Zweige ab. Die Pflanze war nützlich für verschiedene Zwecke, unter anderem, um Plagegeister im Bett zu vertreiben. Gelegentlich steckte sie einen Zweig zusammen mit Lavendel auch in das Wachs ihrer Kerzen, um besser einschlafen zu können.

Sie erhob sich und setzte ihren Weg zwischen Farnen und Bäumen fort. Schließlich fand sie einen kleinen Mädesüßstrauch. Das Heilkraut war dazu geeignet, Kopfschmerzen und Unruhe zu lindern, doch mit den Blättern konnte man auch Wunden behandeln. Sie nahm nur etwas davon mit, damit die Pflanze für den späteren Gebrauch weiterwachsen konnte.

Während sie durch den Wald schlenderte, füllte sich ihr Korb nach und nach mit Kräutern. Gelegentlich strich sie im Vorübergehen über die Rinde der Stämme. Manche Bäume waren so dick, dass sie ihren Stamm nicht mal zur Hälfte umfassen konnte. Andere so hoch, dass ihre Kronen die Wolken zu berühren schienen.

Vögel zwitscherten und erfüllten die Luft mit einer harmonischen Melodie, die immer lauter zu werden schien. Aus dem Augenwinkel entdeckte Leana eine Wildkatze, aber sie würde sich hüten, den Versuch zu wagen, das Tier zu sich zu locken. Wenn sie es nicht beachtete, würde es in seinem Versteck bleiben, bis sie nicht mehr zu sehen war.

Nach einer weiteren halben Stunde setzte sie sich zu Füßen eines Baumes nieder und lehnte den Kopf an den Stamm. Die Augen fielen ihr zu und ihre Sinne gingen auf Wanderschaft, wie so oft, wenn sie sich im Wald aufhielt.

Doch nicht den Wind spürte sie über ihre Wangen streifen. Sondern … Leere. Das war kein Traum. Sie versuchte, ihr wild hämmerndes Herz zu beruhigen, als ihr klar wurde, dass sie eine Vision hatte. Zuerst sah sie nichts als Dunkelheit, die alles Licht aufsaugte. Sie konnte nicht mal mehr ihre Hand vor ihrem Gesicht erkennen. Langsam jedoch lösten sich aus der Schwärze die Umrisse eines Mannes. Er kniete vornübergebeugt, die linke Hand auf den Boden gestützt. Die rechte Hand ballte er zur Faust, um gleich darauf die Finger zu strecken. Immer und immer wieder führte er die Bewegung aus. Das sandblonde Haar fiel ihm in sanften Wellen auf die Schultern und verbarg sein Gesicht.

Er trug einen ledernen Gambeson und einen Kilt und dazu schwarze Stiefel. Es gab nichts, was die harten, sich wölbenden Muskeln in seinen Armen und Schultern verbarg – oder die Wut, die so heiß wie Sonnenlicht von ihm ausstrahlte.

Plötzlich hielt er inne. Dann drehte er den Kopf langsam zu ihr und fixierte sie aus goldbraunen Augen, die funkelten wie Edelsteine.

 

~ ~ ~

 

Morcant stellte sich. Er setzte sich. Er kroch, er kniete, er legte sich sogar bäuchlings hin, doch nichts half. Er brüllte, er flüsterte. Er fluchte.

Und er betete.

Er vermisste es, den lederumhüllten Griff seines Schwertes in der Hand zu spüren, vermisste das Gewicht der Waffe und das Geräusch, das die Klinge machte, wenn er sie schwang. Das Schwert war sein Stolz und seine Freude, das Einzige, was ihm etwas bedeutete – außer den Männern, die er als Brüder betrachtete. Stefan, Ronan und Daman.

Wo waren sie? Hatte die Zigeunerin sie getötet? Vielleicht waren sie von ihr ebenfalls in ein derartiges Gefängnis verbannt worden. Bei allen Heiligen, er hoffte nicht. Er wusste nicht, wie lange er schon in der Dunkelheit ausharrte, aber es musste eine beträchtliche Zeit vergangen sein. Vielleicht auch nur ein Augenblick.

Die Tatsache, dass er weder Hunger noch Müdigkeit verspürte, hatte ihn zunächst beunruhigt. Doch diese Sorge war bald vergessen, als ihm klar wurde, dass das Einzige, was er weder stillen noch ignorieren konnte, das Gefühl der Lust war. Er befand sich in ständiger Erregung und jedes Mal, wenn er versuchte, sich Erleichterung zu verschaffen, vergrößerte sich seine Begierde nur noch.

War dies die Strafe dafür, dass er mit der liebreizenden Denisa geschlafen hatte? Sie hatte behauptet, keine Jungfrau mehr zu sein, aber Morcant wusste, er hätte sie wohl auch dann genommen, wenn sie ihn nicht angelogen hätte. Er hatte eine Frau begehrt und sie war schön und willig gewesen.

Er sank auf ein Knie, schloss die Augen und versuchte, sich daran zu erinnern, wie es war, sein Schwert in der Hand zu halten. Er ballte die Hand zur Faust, streckte gleich darauf die Finger und ballte die Hand erneut. Wieder und wieder.

Seine Hoden schmerzten und sein Glied versteifte sich, als eine Woge der Begierde über ihn hinwegschwappte. Er stellte sich vor, wie es war, im warmen, feuchten Schoß einer Frau zu versinken und zu fühlen, wie sich ihre Beine um seinen Leib schlangen.

Schweißüberströmt kämpfte er gegen den Drang an, sein Glied zu umfassen und zu versuchen, die quälende, hungrige Begierde seines Körpers zu beschwichtigen. Er beugte auch das andere Knie und stützte sich mit der linken Hand auf dem Boden ab.

Nicht einmal in all den Jahren hatte er sich seine Lust versagt. Sich mit einer Frau zu vergnügen, bereitete ihm Wonne und gab ihm die Möglichkeit, sich einige Augenblicke selbst zu vergessen, bevor er wieder in die Realität zurückkehren und sich wieder der Tatsache stellen musste, wie leer sein Leben in Wahrheit war.

Morcant wusste nicht, wie lange er kniend verharrte, wie viel Zeit verging, eher er an etwas anderes, als das unsägliche Verlangen, das ihn zu verschlingen drohte, denken konnte. Als er schließlich tief durchatmete, hatte er das Gefühl, dass ihn jemand beobachtete.

Er öffnete die Augen und drehte langsam den Kopf, konnte aber niemanden sehen. Schwärze breitete sich vor ihm aus, soweit das Auge reichte. Was würde er nicht dafür geben, einen Farbtupfer zu sehen, und wenn es nur das Grau war, das sich wochenlang über dem Himmel seines geliebten Schottlands erstrecken konnte.

Trotz der Dunkelheit konnte Morcant jedoch den eigenen Körper erkennen, wenn er nach unten sah, aber er konnte weder sehen noch hören, ob außer ihm noch etwas – oder jemand – an diesem verfluchten Ort weilte.

Er biss die Zähne zusammen und versuchte, sich an Denisas Gesicht und Körper zu erinnern, versuchte sich zu entsinnen, welche Gefühle er verspürt hatte, als sie sich vereinten, aber die Erinnerung entzog sich ihm. Es gab sogar Momente, in denen er ihren Namen vergaß.

Immer wenn dies passierte, wiederholte er die Namen aller Menschen, die er kannte, und stellte sich vor, wie sie aussahen, aus Angst, er würde sich in der Schwärze irgendwann selbst verlieren.

Möglicherweise hatte er das längst. Vielleicht versuchten seine Freunde, ihn aufzuwecken, und er wusste es nicht einmal.

Vielleicht war er aber auch tot und befand sich nun in der Hölle.

Er hatte nie behauptet, ein Heiliger zu sein, aber er hatte auch nicht so viel Schuld auf sich geladen, dass seine Seele die ewige Verdammnis verdiente. Womöglich befand er sich im Fegefeuer oder in einem großen Nichts. Wie oft schon hatte Morcant diese Gedanken gehegt? Wie oft schon hatte er mit sich selbst gesprochen, in der Hoffnung, all das würde mehr Sinn ergeben, wenn er es laut aussprach?

Allmählich verlor er den Verstand. Hauch um Hauch, Stück für Stück verschwand immer mehr von ihm, je länger er an diesem verdammten Ort gefangen war.

Er kämpfte dagegen an, mit aller Kraft, doch alle Anstrengungen waren vergebens. Dafür hatte die Zigeunerin gesorgt.

Leseprobe aus: „The Hunger – Hungrige Begierde“ © 2014 by Donna Grant,

deutschsprachige Übersetzung von Corinna Wieja

Umschlaggestaltung/Coverdesign © 2013 by Leah Suttle

Erhältlich als E-Book und Druckversion ab Dezember 2014

www.DonnaGrant.com

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